Der Feind in ihrem Körper

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Der Feind in ihrem Körper | story.one

Nun stand ich da. Vor dieser braunen Holzkiste, in der meine tote Mutter lag. Schuld daran, dass sie da drin sein musste, war er – dieser Krebs. Vor Jahren hatte er sich still und heimlich in ihrem Körper ausgebreitet. Leise hatte er auf sich aufmerksam gemacht. Sie hatte gespürt, dass etwas nicht stimmte. „Das ist harmlos. So einen Knoten haben viele Frauen, kein Grund zur Besorgnis“, soll eine Fachärztin, an die sie verwiesen wurde, gemeint haben. Nun war sie beruhigt gewesen. Wer will sich schon grundlos Sorgen machen? Ja, wer? Doch er war nicht harmlos. Er hatte nun Zeit gewonnen, um sich auszubreiten. Um stärker und stärker zu werden, immer mehr von ihrer Lebenskraft auszusaugen.

Als der Knoten ihr heftigere Schmerzen in der Brust zufügte und sie erneut ärztliche Hilfe aufsuchte, schlugen die Mediziner die Hände über dem Kopf zusammen. Es war nun bereits fünf nach zwölf.

Er nahm ihr alles. Zuerst die von ihm verseuchte Brust, die komplett abgeschnitten werden musste. Dann die Haare. Sie versuchte, stärker zu sein als er. Doch ihr Widersacher war bereits auf seinem Siegesmarsch. Er breitete sich weiter aus – wie ein Kriegsherr, ein Feldmarschall. Er nahm ein Areal ihres Körpers nach dem anderen ein. Sie war tapfer. „Diese junge Frau jammert einfach nie“, sagten die Ärzte und das Pflegepersonal bewundernd über sie.

Ich begann, ihn zu hassen. Wochen vor seinem endgültigen Sieg spürte ich bereits, dass etwas nicht stimmte und uns Schlimmes bevorstand. Die starken Medikamente, die ihn im Zaum halten sollten, hatten das Wesen meiner Mutter verändert. Sie lachte nicht mehr. Sie hatte keine Nerven mehr für meine drei Geschwister und mich. Sie war abwesend. Einmal, als ich sie mit meinem Vater im Krankenhaus besuchte, keifte sie mich grundlos an und schimpfte mit mir. Da wusste ich: Sie ist nicht mehr dieselbe. Bereits an diesem Tag nahm ich, das achtjährige Kind, unbewusst Abschied von ihr. Ich wollte sie nicht mehr im Krankenhaus besuchen und ließ mir Ausreden einfallen.

Später machte ich mir deswegen Vorwürfe. Doch heute weiß ich: Ich wollte mich und meine zerbrechliche Kinderseele schützen. So wie früher wollte ich sie in Erinnerung behalten. Bevor er kam und alles kaputt machte – der heimtückische Krebs.

Genau an ihrem 34. Geburtstag feierte er seinen Siegeszug. Es war ein Freitag, der 13. Wie zynisch und gemein von ihm! Wir kamen mit einer Torte, die Oma gebacken hatte, ins Spital. Doch niemandem war danach, auch nur einen Bissen davon zu kosten. Mama schon gar nicht. Sie reagierte überhaupt nicht mehr. Es war stickig in dem kleinen Spitalszimmer. Ein Ventilator blies ihr Luft zu. „Gebt eurer Mama einen Kuss“, wurde uns schließlich gesagt. Das taten wir Kinder. Eines nach dem anderen und ohne zu wissen, dass dies nun der Abschied für immer sein würde. Wir traten mit Oma die Heimfahrt an. Unser Vater blieb bis zum letzten Atemzug und hielt ihre Hand. Nun hatte der Feind in ihrem Körper tatsächlich gewonnen.

© LillyRuth 14.12.2019