Der zerschellte Wasserkrug

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Der zerschellte Wasserkrug | story.one

Es ist 16 Jahre her. Ich verlasse gedankenverloren die Zentrale meiner Arbeitsstelle in der Linzer Innenstadt. Zwei Stunden Besprechung liegen hinter mir.

Ich bin müde, der Kopf ist schwer. Ein herrlicher Herbsttag. Die Sonne strahlt vom Himmel. “Zu schade, dass ich heute so im Stress bin”, denke ich mir.

Plötzlich donnert fünf Zentimeter vor meiner Nasenspitze ein Gegenstand herab und zerschellt laut am Asphalt. Ich bin wie gelähmt. Mein Blick geht zu Boden. Es war ein mit Wasser gefüllter Krug aus Glas, dessen Scherben nun vor mir liegen. Nun höre ich von oben aufgeregte Stimmen.

Mein Kopf richtet sich gen Himmel. Im zweiten Stock des Gebäudes, vor dem ich stehe, blicken zwei Menschen zu mir herab. “Oh, Verzeihung! Geht es Ihnen gut? Ist Ihnen eh nichts passiert?”, rufen sie aus fünf Metern Höhe herab.

Noch immer bin ich durcheinander und bringe kein Wort heraus. Ich nicke nur. Langsam lichtet sich der Nebel. Das Paar hatte im Hotel, das gleich neben meiner Arbeitsstelle liegt, am Balkon gefrühstückt und ein mit Wasser befüllter Krug hatte sich selbstständig gemacht.

Mit zittrigen Knien gehe ich weiter. Ich versuche die Gedankenfetzen zu sortieren. Ein voller Krug, der von fünf Metern Höhe in rasender Geschwindigkeit auf meinen Kopf donnert ? Er hätte mich schwer verletzen oder sogar töten können.

Einige Millisekunden später und der Krug wäre nicht VOR, sondern AUF meinem Kopf zerschellt. Ich wäre so schnell nicht mehr aufgestanden.

Den ganzen Tag und die ganze weitere Woche begleitet mich diese Begebenheit.

16 Jahre später. Ich mache bei einem Seminar Bekanntschaft mit einer netten, jungen Frau. Weil wir gern in Kontakt bleiben wollen, schreibe ich ihr meine Adresse und Telefonnummer auf.

Da sagt sie: “Wow, immer wieder kommt die Zahl 44 bei dir vor! Du weißt schon: Das heißt, dass du einen starken Schutzengel hast.”

“Nein, wusste ich nicht. Ich kenne mich mit solchen Dingen nicht aus”, erwidere ich.

Wir verabschieden uns. Ich setze mich ins Auto und trete die lange Heimreise an. Auf der Fahrt kommen mir Geschichten wie jene vom Wasserkrug und noch andere "creepy storys" mit gutem Ausgang der letzten zwei Jahrzehnte in den Sinn.

Auf meinen Armen zieht eine Gänsehaut auf und gleichzeitig muss ich glückselig lächeln.

© LillyRuth 21.09.2019