Die Frau, die den Reset-Knopf drückte

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Die Frau, die den Reset-Knopf drückte | story.one

Es ist einer jener Tage, für die man einen Reset-Knopf bräuchte, um sie neu starten zu können. Er beginnt schon mal zu früh. Viel zu früh. Genauer gesagt: um drei Uhr morgens. Der Junior erwacht aus einem bösen Traum und braucht mütterlichen Trost. Nach fünf Minuten schläft er selig in meiner warmen Achsel wieder ein. Ich nicht mehr. Das war's mit der Nachtruhe und dem erholsamen Schlaf. Um 4.30 Uhr gebe ich mich endgültig geschlagen und mache mir den ersten Kaffee.

Der Vormittag geht zäh weiter. Obwohl ich frei hätte, sollten dringende, stumpfsinnige Büroarbeiten erledigt werden und auch zu einem Amt in der nahen Bezirkshauptstadt muss ich eilen, um einen Antrag abzugeben. Ich zögere die Fahrt so lange es geht hinaus. Schlaftrunken werfe ich den Staubsauger und die Waschmaschine an, weil mir heute alles andere lieber ist, als mit Sachbearbeitern zu interagieren. Ämter lösen bei mir einen unsichtbaren Ausschlag aus. Die Stimmung dort erdrückt mich.

Mit mieser Laune und müdem Blick biege ich schließlich in die Straße ein, die mich zum anvisierten Gebäude führt. Und dann kommt SIE mir entgegen. Eine Frau auf dem Fahrrad. Typ: nette Oma – so zwischen 65 und 70. Ihr wallendes graumeliertes Haar trägt sie offen. Die Eiseskälte und der Nebel scheinen ihr egal zu sein. Mit einem breiten Grinser im Gesicht sitzt sie auf ihrem Drahtesel und strahlt in den Tag hinein, dass es eine Freude ist, sie anzuschauen. Sie kennt mich nicht und doch scheint sie genau mich zu meinen, als sie mir einen umwerfend freundlichen Blick durch meine schmutzige Windschutzscheibe zuwirft. Ich kann gar nicht anders, als sie auch anzulächeln. Nun gab es ihn doch, den Reset-Knopf. Und SIE hat ihn gedrückt. Danke, liebe Unbekannte!

© LillyRuth 13.12.2019