Die junge Araberin im Urlaubsglück

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Die junge Araberin im Urlaubsglück | story.one

34 Grad. Die Sonne knallt erbarmungslos vom Himmel. Das T-Shirt und die Sommerhose kleben förmlich an meiner Haut. Zum Glück sind wir im Urlaub und zwar im wunderschönen Zell am See. Der Sprung in den erfrischenden See ist mein tägliches Highlight in dieser Urlaubswoche. Ein unvergleichlich prickelndes und belebendes Gefühl. Glücklich ziehe ich im kühlen Nass meine Runden und genieße die atemberaubende landschaftliche Kulisse, die den glasklaren See umrahmt.

Während ich beseelt im Wasser schwimme und die Erfrischung mit jeder Faser meiner Körpers genieße, beobachte ich täglich die vielen arabischen Urlauberinnen, die am Ufer stehen und mit sehnsüchtigem Blick auf die Wasserfläche schauen. Ihr Körper ist eingehüllt in Stoff, Stoff und nochmals Stoff. Ich respektiere ihre religiöse Einstellung, doch als Frau habe ich an diesen derart heißen Tagen einfach nur Mitleid: Ich kann mich abkühlen, sie müssen schwitzen. Es ist ungerecht!

Während ich mich im Wasser treiben lasse, fällt mir heute eine besondere Frau auf: Eine junge Araberin, eingehüllt in einen Tschador. Sie steht mit ihren Verwandten am Ufer. Man kann ihr ansehen, dass sie nichts lieber täte, als sich im See abzukühlen. Immer näher und näher geht sie ans Wasser heran. Zuerst testet sie die Temperatur mit der Hand, dann mit den Füßen. Ihre unbändige Lust, heute einmal die Regeln zu brechen, ist spürbar. Viele Stunden flog sie mit dem Flugzeug an diesen besonderen Ort und dann soll sie nur zusehen, wie die ANDEREN im Wasser schwimmen?! “NEIN!”, will sie in die Welt hinausschreien - das ist an ihrem Blick und ihrer Körperhaltung ablesbar.

Und dann tut sie es! Ihre Verwandten schütteln den Kopf. Die Einheimischen im Strandbad ebenso. Alle Blicke richten sich auf sie. Doch ihr ist alles egal. Sie läuft mit Anlauf mitsamt ihrer Fülle an Gewand in den See und beginnt darin zu schwimmen. Selten war das Glück eines anderen Menschen für mich deutlicher fühlbar als beim Anblick dieser jungen Frau. Sie strahlt. Ihr Urlaubstraum ist wahr geworden! Nie wird sie wohl dieses Gefühl vergessen. Ich gönne es ihr von Herzen.

Nun schwimmt sie fast neben mir - grinsend übers ganze Gesicht. Ich möchte ihr so gerne sagen, wie toll ich es finde, dass sie den Mut hatte, über ihren eigenen Schatten und den übermächtigen Schatten der Zwänge ihrer Kultur zu springen, doch ich weiß nicht wie. Also lächle ich sie anerkennend an – von Schwimmerin zu Schwimmerin. “Wonderful water”, füge ich dilettantisch englische Wortfetzen hinzu. “Yes”, bestätigt sie selig. Nie werde ich ihre strahlenden Augen vergessen. Und ich durfte wiedereinmal lernen: Glück ist sowas von ansteckend!

© LillyRuth 24.11.2019