Die Linse scharf stellen

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Die Linse scharf stellen | story.one

Einatmen. Ausatmen. Hören. Sehen. Riechen. Schmecken. Die Linse scharf stellen – auf das, was gut läuft. Das habe ich mir vorgenommen, nachdem mich die Corona-Krise kurzzeitig in eine Schock-Starre versetzt hatte. Ich traf eine bewusste Entscheidung – darüber schrieb ich auf dieser Plattform in einer anderen Geschichte. Und so bin ich statt zu einer Schwarz-Seherin zu einer Bunt-Seherin geworden. Weil Angst krank macht. Weil ich es meinen Kindern und mir selbst schuldig bin. Der Frühling unterstützt mich dabei nach besten Kräften.

So nehme ich derzeit bewusst vieles wahr, das mir sonst vielleicht entgangen wäre:

Ich sehe etwa, dass heute der Marillenbaum aufgeblüht ist.

Ich sehe die Bienen, die sich über meinen Osterstrauch auf der Terrasse freuten.

Ich sehe, wie meine 11-jährige Tochter im Zuge des E-Learnings täglich neue, wichtige Kompetenzen erlernt. Sie kann nun selbständig E-Mails an ihre Pädagogen verschicken. Heute habe ich ihr gezeigt, wie man einen Anhang an eine Mail anfügt und wir beide waren entzückt darüber, wie toll sie nun bereits mit dem PC umgehen kann.

Ich sehe, wie mein 7-jähriger Sohn in Windeseile seine schulischen Arbeitsaufträge erledigt. Noch vor dem Frühstück will er alle Tagesaufgaben, die ihm die Lehrerin aufschrieb, fertig haben. Erneut werde ich darin bestätigt, dass in ihm viel Potential steckt. Sein Ehrgeiz und sein Durchhaltevermögen ist bewundernswert und gibt mir Hoffnung, dass er eine spannende Zukunft vor sich hat.

Ich sehe, wie meine Tochter Kürbiskerne einpflanzt. Und wir freuen uns, dass wir die Kerne vom Vorjahr getrocknet und aufgehoben haben, denn dieser Tage haben keine Gärtnereien offen.

Ich höre, wie meine Kinder im Garten mit dem Hund Fangen spielen und dabei aus ganzem Herzen lachen.

Ich höre über die Hecke, wie mein Nachbar, ein Manager eines großen Unternehmens, der viel unterwegs ist, mit seinem kleinen Sohn spielt. Ich freue mich für beide. Dass sie einander haben. Nachts sitzt er sicher über Kalkulationstabellen und grübelt, wie er die Jobs seiner Mitarbeiter aufgrund dieser Krise retten kann. Doch heute Nachmittag schießt er seinem Kind einen Ball zu und nur das zählt für Vater und Sohn in diesem Moment.

Ich schmecke bewusst das Mittagessen, das wir heute zum ersten Mal in diesem Jahr draußen verspeisen und freue mich über jeden Bissen.

Ich wende mein Gesicht der Sonne zu und atme tief ein und aus.

Einatmen. Ausatmen. Sehen. Hören. Riechen. Schmecken. Das alles habe ich noch selten so bewusst gemacht wie in diesem Frühjahr. Ein verrücktes Frühjahr - das Frühjahr 2020. “Die Welt wurde von einer dramatischen Krise gebeutelt”, wird es später einmal heißen. Doch vielleicht werde ich mich auch an die schönen Momente dieses Frühlings erinnern. Ich hoffe es. Und arbeite täglich daran.

© LillyRuth