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Entschleunigte Ausfahrt

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Entschleunigte Ausfahrt | story.one

Ich stecke den Schlüssel in die Zündung und starte den Motor. Schon zwei Wochen habe ich kein Auto mehr gelenkt. Ich parke aus und setze mich in Bewegung. Seit meiner letzten Ausfahrt hat sich viel getan. Strenge Ausgangsbestimmungen. Nur beruflich notwendige Fahrten sind in Corona-Zeiten gestattet. Zu so einer breche ich nun auf, nachdem ich meine Arbeit in den vergangenen 14 Tagen über Telefon ausgeübt habe. Doch Stopp. Ich krame in meiner Tasche. Habe ich meinen Dienstausweis dabei? Von Kollegen habe ich gehört, dass sie unterwegs angehalten wurden und ihn vorweisen mussten. Er ist da. Alles in Ordnung.

Ich biege langsam in die Bundesstraße ein. Alles erscheint mir heute so unwirklich. Normalerweise muss ich an dieser Stelle ewig warten, bis mich der Querverkehr durchlässt. Es ist eine andere Welt, in der ich mich bewege. Eine neue Welt. Obwohl ich wegen des kaum vorhandenen Verkehrs schneller fahren könnte als sonst, fahre ich langsamer. Ich weiß auch nicht, warum. Es fühlt sich irgendwie besser an. Die allgemeine Entscheunigung hat offenbar auch mein Fortbewegungstempo erfasst. Das ist auch gut so, denn plötzlich quert eine Entenfamilie die ansonsten stark befahrene Straße. Früher hätte sie dieses gefährliche Unterfangen nicht überlebt. Heute stört es niemanden, wenn ich meine Geschwindigkeit drossle und die Tiere über die Straße watscheln lasse. Ich lächle sie sogar an und muss mich im gleichen Moment über mich selbst wundern. Verrückter Tag.

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich mich in den letzten beiden Wochen verändert habe. Nein, nicht zum Schlechteren. Eher zum Besseren. Ich bin friedfertiger geworden. Gelassener. Achtsamer. Die enorme Bedrohung von Außen und der Rückzug in die eigenen vier Wände haben mir gezeigt, wie wenig ich eigentlich brauche. Ein beruhigendes Gefühl. So paradox es klingt.

Die berufliche Fahrt, die sonst oft ein Muss ist, wird heute zum Genuss. Wie schön der Frühling alles zum Erblühen gebracht hat! Wie achtlos bin ich früher an diesen Baumalleen vorbeigefahren? Habe ich die reizvolle Landschaft bisher gewürdigt? Die Natur gibt ihr Bestes, um mir heute eine Freude zu machen.

Nun fahre ich durch eine Kleinstadt durch. Ein trauriges Gefühl beschleicht mich. An der Eisdiele, die ich passiere, ist sonst immer der Teufel los. Heute sind die Jalousien unten und es herrscht gespenstische Leere. Eine Katastrophe für die Gastronomen in dieser Gegend. Meist sind es Familienbetriebe. Existenzen stehen auf dem Spiel. Wie wird das alles ausgehen? Wie wird es weitergehen? "Die Welt wird nach Corona eine andere sein. Wir dürfen den Mut nicht verlieren", schüttle ich meine trüben Gedanken ab und biege in eine Seitenstraße ein. Nun bin ich am Ziel meiner Fahrt. Ein junger Mensch, der mich für ein Gespräch braucht, winkt mir bereits entgegen. “Dem Leben Sinn geben. Das ist der Schlüssel”, denke ich mir und begrüße meinen Klienten. Mit Sicherheitsabstand, wie er neuerdings vorgeschrieben ist.

© LillyRuth 03.04.2020

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