Fernando

Sri Lanka. Ein Urlaubsparadies. 2003 gönnen sich mein Mann und ich eine Fernreise in das Land der weißen Strände und der Palmen. Die Bewohner sind freundlich. Wir fühlen uns wohl.

Und da ist dann noch unser männliches Zimmermädchen namens “Fernando”. Täglich gibt er sich größte Mühe dabei, unser Zimmer so behaglich wie möglich zu gestalten.

Die Bettdecke: feinsäuberlich geglättet. Das Bad putzt er blitzblank. Und als “Sahnehäubchen obendrauf”: mit Blättern aus weißen und lila Orchideen hinterlässt er uns in großen Lettern täglich die Botschaft “Good night from Fernando”.

Am Flur ergeben sich manchmal kurze Gespräche mit dem freundlichen “Reinigungs-Mann”. In holprigem Englisch erklärt er uns, dass er vier Kinder hat, die mit seiner Frau am anderen Ende der Insel wohnen. Er sei froh über diesen Job, denn Arbeitsplätze seien rar hier, berichtet er.

Dann kommt der Abreisetag. Wir haben nur noch wenige Münzen in der Landeswährung. Vermutlich werden wir das Geld noch brauchen, falls der Rückflug Verspätung hat und wir uns einen Imbiss oder Getränke kaufen müssen, denken wir uns.

Gerne würden wir Fernando ein Trinkgeld am Zimmer hinterlassen, aber wir entscheiden uns dafür, den Notgroschen lieber zum Flughafen mitzunehmen.

Eine Anerkennung fürs Personal hinterlassen wir ja ohnehin der gesamten Hotelbelegschaft beim Aufrunden des Rechnungsbetrages im Zuge des Auscheckens, reden wir uns ein.

Und so verlassen wir das Hotel – freilich auch mit schlechtem Gewissen im Gepäck.

Fernando. Ja, er hätte sich sicher über das Trinkgeld gefreut. Aber es gibt vermutlich noch zahlreiche andere Touristen, die sein Gehalt mit einem “Tip” aufrunden.

Am Flughafen brauchen wir natürlich nichts von dem Geld, das wir uns aufgehoben haben. Daheim verwahren wir es in der Münzsammlung. Als Andenken.

Fernando? Weit weg. Und schnell aus dem Sinn.

Im Dezember 2004 erstarren wir, als wir im Fernsehen die Bilder des Tsunami, der über die Küsten von Sri Lanka hinweggefegt ist, sehen. Tote, Verwüstung, Zerstörung. Das Wasser hat eine Spur des Todes hinterlassen. Unser direkt am Meer gelegenes Hotel mitsamt Belegschaft gibt es vermutlich nicht mehr.

Und Fernando? Hätten wir ihm doch wenigstens damals ein großzügiges Trinkgeld gegeben!

© LillyRuth