Hinter verschlossenen Toren

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Hinter verschlossenen Toren | story.one

Wir steigen aus dem Bus. Unter unseren Füßen raschelt das Laub. Die Gegend ist schön. Doch die Menschen, die wir nun “besuchen” sind nicht freiwillig hier. Wir sind die einzigen, die heute aus freien Stücken die Fahrt zu diesem Ort antreten. Und wir können später auch wieder heimfahren. Die anderen nicht. “Besichtigung einer Haftanstalt” stand im Weiterbildungsprogramm für Jus-Studenten. Ich wusste, dass diese Exkursion wichtig für mich sein würde. Zwar ohne Relevanz für meine Prüfungen. Aber von Bedeutung für mich als Mensch.

Die Tore werden für uns geöffnet. Bedrückende Stimmung von der ersten Sekunde an. Die schweren Schlüsselbunde der Justizwachebeamten - sie tragen sie mit Stolz. Aufsperren. Zusperren. Aufsperren. Zusperren. So geht es bei jeder Tür, durch die wir gehen.

Die jungen Männer, die hier inhaftiert sind, starren uns weibliche Studenten an. Manche gierig. Sie ziehen uns fast mit ihren Blicken aus. Der Augenausdruck wieder anderer ist verloren und leer. Zeitweise schäme ich mich für meine Teilnahme an dieser Exkursion. “Sie müssen sich fühlen wie Tiere in einem Zoo”, denke ich mir und richte mein Gesicht zu Boden. Ich kann ihnen nicht in die Augen schauen.

Wir betreten eine große Halle mit einem Riesenhaufen Mäusefallen. Ja, Mäusefallen! Gute drei Meter hoch ist der Berg an händisch hergestellten Fallen. Uns wird erklärt, dass es vor allem Drogendealer sind, die in dieser Abteilung arbeiten und von morgens bis abends die tödlichen Geräte für ungebetene Nager herstellen. In der Schneiderei der Haftanstalt werden gerade Mäntel genäht. Auch die Tischlerei wird uns stolz vorgeführt. Zu Mittag bekommen wir um einen Spottpreis ein schmackhaftes Essen. Ich lobe den freundlichen Kellner, der mir erzählt, dass er nicht mehr lange hier sein muss und seine Zeit bald abgesessen hat. Wer es bereits in diese Abteilung geschafft hat, ist wegen “guter Führung” tatsächlich der Entlassung nahe.

“Niemand ist unschuldig hier gelandet. Sie alle haben gegen das Gesetz verstoßen und müssen nun den Preis dafür zahlen”, trichtere ich mir ein. Und dennoch. Jedem der Männer sieht man an, dass es das Leben nicht gut mit ihnen meinte. Schon lange bevor sie die Tat begangen haben, die sie an diesen Ort brachte.

Zum Abschluss wird uns eine Zelle gezeigt. Ich kann die Bedrückung körperlich spüren. Es zieht mir den Magen zusammen. Nach dem Abendessen um 17 Uhr wird der Mini-Raum zugesperrt und erst am nächsten Morgen wieder geöffnet, erfahren wir. Wie beklemmend.

Nach ein paar Stunden nimmt der Bus wieder seine Fahrt zurück nach Linz auf. Ich nehme Platz und schaue ein letztes Mal zur Haftanstalt. Alles ist wie vorher, nur dass es nun eben wieder in die andere Richtung geht. Der Bus reversiert und biegt zur Autobahn ab. Alles ist wie vorher. Doch ich bin nicht mehr Dieselbe. Bald darauf heuere ich als ehrenamtliche Bewährungshelferin an.

© LillyRuth