Ich drehe mich...

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Ich drehe mich... | story.one

Ich drehe mich und drehe mich.

Meine Haare fliegen durch die Luft, der Wind weht mir ins Gesicht.

Wie schön! Wie lustig!

Ich drehe mich und drehe mich.

Mit einer Hand halte ich mich an der Wäschestange, die andere lasse ich durch die Luft fliegen.

Vom vielen Drehen fühlt sie sich schwerer an. Ein kribbeliges Gefühl.

Ich drehe mich und drehe mich.

Wie herrlich!

Jetzt lasse ich aus.

ICH FLIEGE!

Und lande weich im Gras.

Ich schaue in den Himmel.

Alles dreht sich. Auch die Wolken.

Ob meine Mama mich jetzt sehen kann?

Seit zwei Tagen ist sie nun selbst dort oben.

“Was machst du da?”, fragt mich Rita, meine Nachbarin.

“Ich habe mich um die Wäschestange gedreht. Es war so lustig!”, antworte ich.

Rita sieht mich nachdenklich an.

Meine Stimmung verfinstert sich wieder.

Ich habe ein schlechtes Gewissen. Darf ich überhaupt lustig sein und mich über das Drehen freuen, wenn meine Mutter vor zwei Tagen gestorben ist? Ich müsste doch weinen. Unentwegt weinen.

Rita beugt sich zu mir herunter und streichelt mir über den Kopf.

“Schön, dass dir das Drehen solchen Spaß macht”, sagt sie und lächelt mich an.

Dafür danke ich ihr noch heute.

© LillyRuth 23.11.2019