Haushaltshilfe mit Guns N' Roses-Vorliebe

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Haushaltshilfe mit Guns N' Roses-Vorliebe | story.one

Ich mochte sie gleich, als sie sich bei meinen Geschwistern und mir vorstellte. Diese Frau war anders als die anderen. Trotz ihres Alters, sie war wohl über fünfzig, hatte sie ein Guns N’ Roses-T-Shirt an und statt der allseits beliebten Dauerwelle trug sie selbstbewusst einen Pagenkopf. „Ich werde euch in Zukunft im Haushalt helfen und für euch etwas Gutes kochen“, sagte Frau F. Das hörte sich vielversprechend an. Seit Mama tot war, hatte viele Jahre das Chaos bei uns zu Hause regiert.

Zuerst waren Familienhelferinnen der Krankenkasse da gewesen. Immer wenn ich mich mit einer angefreundet hatte, war ihre Dienstzeit wieder vorbei und sie wurde durch eine neue ersetzt. Die Letzte ließen wir Kinder gar nicht mehr zu nahe an uns heran, um nicht wieder enttäuscht werden zu können. Dann führte Oma Nr. 1, die Mutter meiner verstorbenen Mama, einige Jahre das Regiment. Sie war ein guter Mensch, doch mit mir konnte sie irgendwie nichts anfangen. Das ließ sie mich auch spüren. „Pack an wie deine ältere Schwester und schau nicht immer nur in die Luft!“, hatte sie mir stets eingetrichtert. Das tat weh, aber sie meinte es nicht böse. Sie funktionierte. Als ihr Mann, Opa Nr. 1, erkrankte, musste sie sich um ihn kümmern und wurde bei uns durch Oma Nr. 2 ersetzt.

Die war genau das Gegenteil ihrer Vorgängerin. Extrovertiert, eine Gastronomin, eine Frau von Welt. Da sie ein Gasthaus betrieb, konnte sie nur stundenweise bei uns aushelfen. Opa Nr. 2 lieferte mittags Essen aus dem Gasthaus und Oma Nr. 2 erledigte zwischendurch Haushaltsarbeiten. Einmal nahm sie eine Gehilfin mit: Frau F. So lernten wir sie kennen. Bald wurde unter den Erwachsenen beschlossen, dass Oma Nr. 2 ganz durch Frau F. ersetzt werden sollte.

Nun hatten wir eine eigene Haushälterin. Und was für eine! Rasch fanden wir heraus, dass Frau F. viel ausgeprägtere Fähigkeiten und Kenntnisse hatte als Kochen, Putzen und Wäschewaschen. Sie war eine Menschenversteherin! Der Himmel hatte sie uns geschickt, da war ich mir sicher. Sie schaffte es, zu jedem einzelnen aus meiner Familie einen guten Draht aufzubauen.

Obwohl ihr Dienst um 10 Uhr begann und bereits um 15 Uhr endete, nahm sich Frau F. jeden Tag Zeit, um lange mit mir zu reden. Wie sie zuhören konnte! Noch nie zuvor hatte mir jemand so zugehört! „Was gibt es Neues in der Schule? Wie läuft’s mit dem Burschen, in den du dich verliebt hast?“ Ihr konnte ich alles erzählen und sie konnte schweigen wie ein Grab. Genauso wie sie Ordnung und Klarheit in unseren Haushalt brachte, räumte sie auch in meiner Seele auf. Ich verehrte sie. Einmal nahm sie mich auf ein Elton-John-Konzert in die Wiener Stadthalle mit. Mein Vater vertraute unserer exotischen Mary Poppins mit psychotherapeutischen Fähigkeiten blind. Auch er genoss es, mit anzusehen, wie seine Kinder unter ihrer Obhut aufblühten. Als sie nach drei Jahren kündigen musste, da ihr Mann erkrankt war, brach mir das fast das Herz. Doch ihre guten Taten wirkten noch lange nach.

© LillyRuth