"Morgen kommst du wieder, gell?"

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"Morgen kommst du wieder, gell?" | story.one

Verzweifelt starrte ich den PC-Bildschirm an. Schreibblockade. Und das an meinem ersten Probetag bei einer großen Zeitung. Einen guten Eindruck wollte ich an diesem Tag hinterlassen. Und dann das. Die Katastrophe hatte sich schon in der Nacht zuvor angebahnt. Ich konnte vor Aufregung kaum ein Auge zutun. Es war immer schon mein Traum, hier zu arbeiten. Doch nun fühlte ich mich völlig fehl am Platz. “Was für eine Schnapsidee, Journalistin werden zu wollen!”, begann mein innerer Kritiker mit mir zu schimpfen. “Das hast du nun davon! Jetzt sitzt du da in dieser Redaktion und blamierst dich!”, sprach die anfangs leise Stimme in mir nun immer lauter.

Ich spürte, wie du mich beobachtet und mir meine Verzweiflung angesehen hast. Das machte alles noch schlimmer. Ertappt. Ich war den Tränen nahe. Mein durch Schlafmangel filigranes Nervenkostüm war am Zerreißen. Sollte ich aufgeben, alles hinschmeißen und einfach heimgehen? Ich war ganz knapp davor.

“Kann ich dir vielleicht helfen?”, hast du mich gefragt. Die Erlösung. Gemeinsam zimmerten wir einen passenden Vorspann für den Artikel, der mir einfach nicht gelingen wollte, zusammen. Nun war das Ausmaß meiner Blamage zumindest nicht mehr allzu groß. Wenigstens hatte ich nicht gänzlich versagt. Den Rest stellte ich alleine fertig. Zufrieden warst du nicht mit meiner Leistung. Das merkte ich und konnte es dir auch nicht verübeln.

Doch du hast an jenem Tag weit mehr in mir gesehen als ich selbst. Ich hatte den Glauben an meine Fähigkeiten verloren - du hingegen warst neugierig darauf geworden, was noch in mir steckt.

“Morgen kommst du wieder, gell? Das wird schon werden”, hast du mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen am Ende jenes verpatzten, ersten Arbeitstages gemeint.

Und ich kam wieder. Diesmal ausgeschlafen und mit neuem Mut und Tatendrang. Ich blieb sechs spannende und lehrreiche Jahre.

Doch dann trennten sich unsere Wege. Ich schlug neue Pfade ein. Wir verloren uns aus den Augen. Aber vergessen hast du mich nie. Als ich zum ersten Mal Mutter wurde, hast du mich noch im Krankenhaus angerufen und mir zu meinem Glück und dem neuen Lebensweg, den ich antrat, gratuliert.

Nun bist du schon viele Jahre tot. Dein Herz hatte einfach aufgehört zu schlagen. Still und leise bist du von dieser Welt abgetreten. Eine Welt, die einst eine große Bühne für dich - den stadtbekannten Redakteur mit spitzer Feder und warmherzigem Wesen - war.

Seit jenem Tag, an dem ich eine Rose an deine Urne lehnte, habe ich dein Grab nicht mehr besucht. Das hättest du auch gar nicht gewollt. Du warst kein Freund von aufgezwungenen Ritualen. Doch das Licht, das du vor langer Zeit in mir entzündet hast, brennt noch heute. Viel heller sogar als damals. Deine guten Taten, Worte und Werke wirken noch lange nach. Deine Texte las ich immer und immer wieder, in der Hoffnung, einmal annähernd so schreiben zu können wie du. Im Herzen bleibst du unvergessen - mein Chef, Vorbild, Kollege und Freund.

© LillyRuth 08.12.2019