Nichts zu tun

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Nichts zu tun | story.one

Es gibt nichts zu tun.

Der Hund neben mir macht es vor. Er wendet sein Gesicht der Sonne zu. Atmet langsam ein und aus. Er ist eins mit sich. Ganz hier im Moment.

Es gibt nichts zu tun.

Diese Sichtweise fällt mir oft schwer.

Ein unstillbarer Tatendrang treibt mich seit Jahrzehnten an. Es reichte nicht, eine Ausbildung abzuschließen. Es wurden mehrere. Es war nicht ein Berufsfeld, in dem ich tätig war und bin, sondern verschiedene.

Selbst jetzt ist es mir nicht genug, meine Gedanken nur zu denken. Ich spüre das Bedürfnis, sie niederzuschreiben. So bin ich. So war ich immer schon. Und so ist es vermutlich auch gut.

Oft gelingt es mir, meinen Schaffensdrang und meine verschiedenen Interessen als Segen und Geschenk zu sehen. Doch es gibt auch Momente, da verfluche ich meinen inneren Antreiber, der mir mit einer Peitsche in der Hand zu befehlen scheint: “Geh weiter. Mach schneller! Hol mehr heraus!”

Nun liege ich da und schaue dem Hund zu bei seinem Müßiggang. Es gibt nichts zu tun.

Er dreht sich mit einem gutturalen Laut des Genusses auf den Rücken. Tiefenentspannt. Träumt er?

Untertags zu schlafen und völlig abzuschalten, ist etwas, das ich noch nie konnte und gerne schaffen würde. Manchmal denke ich darüber nach, worin meine Geschäftigkeit, die mich leider oft nicht zur Ruhe kommen lässt, begründet ist. Ich lande immer bei derselben Antwort. Es muss der frühe Tod meiner Mutter sein, die nur 34 Jahre alt wurde. Mein Antrieb, aus den Tagen, den Wochen, den Monaten, den Jahren – ja dem ganzen Leben - soviel wie möglich herauszuholen, ist vermutlich ihrer viel zu frühen Abberufung ins Jenseits geschuldet. Versuche ich all das nachzuholen, was ihr genommen wurde?

Und dann die omnipräsente Grundhaltung des Vaters: Leistung geht über alles. Man ist wer, wenn man etwas aufgebaut und geschaffen hat. Je mehr, desto besser.

Ich war ein braves und tüchtiges Kind und habe alles erfüllt, was unbewusst von mir erwartet wurde. Studium, Ausbildungen, Beruf, Kinder, Haus.

Vielleicht kommt irgendwann die Zeit, in der ich mir erlaube, mich so richtig auszurasten. 43 Jahre lang habe ich mich nun immerhin schon angestrengt.

Wenn ich es einmal schaffe, nachmittags ein Nickerchen zu machen und zur Ruhe zu kommen, werde ich das wohl als ersten Erfolg feiern. Bis dahin übe ich. Und ich glaube, ich werde täglich besser. Der Hund zeigt es mir gerade vor: Es gibt nichts zu tun.

© LillyRuth 26.04.2020