Schweigegelübde mit Pannen

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Ruhe und Stille. Das ist es, was ich nach genau zehn Jahren Mutter-Dasein und diversen Mehrfachbelastungen brauche. Mein Körper schreit regelrecht danach. Anfangs konnte ich seine Signale nicht deuten, doch als mir der dritte HNO-Arzt bescheinigte, dass für den unerklärlichen Druck in meinem Gehörgang keine somatische Ursache zu finden ist, gab ich mich geschlagen. “Also muss ich selbst was tun”, beschließe ich und gebe “Schweigeseminar” in die Google-Suchmaschine ein.

Einige Wochen später checke ich in einem Buddhistischen Zentrum ein und möchte mich für drei Tage ganz der Stille und dem Schweigen hingeben. Herrlich. Am ersten Abend ist beim Essen noch Sprechen erlaubt. Ich freunde mich mit meinen Sitznachbarinnen an und denke mir: “Verdammt! Die sind total nett und die Chemie zwischen uns passt so gut, aber jetzt darf ich nicht mehr mit ihnen reden!” Den anderen geht es genauso. Leicht demotiviert legen wir in der nächsten Stunde vor unserem "Lehrer", einem Vollblut-Buddhisten, unser Schweigegelübde ab. Er ist drei Tage lange der Einzige, der reden und uns bei den Meditationen und Yoga-Übungen mit Worten anleiten darf. Meine neuen Freundinnen und ich wollen uns aber nicht ganz damit abfinden – wir verständigen uns in den nächsten Tagen mit Handzeichen und mittels Gesichtsmimik. Der Kick des "Verbotenen" dabei wirkt sich überraschend belebend auf uns aus. “Wir Frauen haben das Kommunizieren einfach im Blut, das kann man nicht wie einen Mantel ablegen”, reden wir uns ein.

Da Buddhisten bekanntlich kein Fleisch essen, gibt es in den nächsten Tagen Unmengen von Gemüse. Besonders Kürbis, Zucchini und Hülsenfrüchte verarbeitet unser ungarischer Koch mit Vorliebe. Und weil so viel Nichtstun überraschend hungrig macht, langen wir bei den Mahlzeit alle kräftig zu.

An die Stille haben wir uns mittlerweile alle gewöhnt. Der Gesichtsausdruck der Mitschweigenden wird tatsächlich von Tag zu Tag entspannter. Am dritten Tag steht eine lange Yoga-Einheit auf dem Programm. Aufgrund der Stille kann ich deutlich wahrnehmen, wie es im Bauch meiner Yoga-Nachbarin rumort und grummelt. “Das muss das viele Gemüse sein”, denke ich mir und leide mit ihr. “Nun die Hände auf den Boden, die Beine auseinander und das Gesäß weit nach oben strecken”, fordert uns unser Guru auf. “Das löst besonders gut diverse Blockaden”, setzt er nach. Ja, tatsächlich. Das löst Vieles. Auch Ungewolltes. Dann passiert das bei dieser Übung Unvermeidbare: Meiner Nachbarin mit dem Bauchgrummeln entfleucht ein gewaltiger Furz. Und das erste Wort, das wir seit Tagen von einer Kursteilnehmerin hören, ist ein verzweifelter Schrei: “Scheiße!” Alle anderen schweigen nobel weiter und tun, als hätten sie nichts gehört. Beim Abendessen ist ein Platz leer. Die Arme ist vor lauter Peinlichkeit vorzeitig abgereist.

© LillyRuth