Von Recht und Menschen

  • 248
Von Recht und Menschen | story.one

Nun hatte ich mich also für das Jus-Studium eingeschrieben. Aber nicht, weil ich unbedingt Juristin werden wollte, sondern weil ich mir in den Kopf gesetzt hatte, einen Studienabschluss zu erreichen. Da ich bereits zwei Semester mit einem nicht zu mir passenden Studium “verschwendet” hatte, war es nun mein Ziel, nicht aufzugeben, bis ich einen Magister-Titel erworben hatte.

Da saß ich nun in meinem Studentenzimmer und quälte mich monatelang mit Bürgerlichem Recht, Europarecht, Verfassungsrecht und dergleichen. Es lief gar nicht so schlecht bei den Prüfungen. Aber der Funke war nie übergesprungen. Gerichtsjournalistin zu werden – das war ein schönes Ziel, aber noch in weiter Ferne.

Dann schrieb ich mich für das Fach Strafrecht ein. Es faszinierte mich von Anfang an. Hier ging es darum, Taten wie Mord, Totschlag, Betrug, Diebstahl juristisch zu bewerten und zu analysieren. Endlich ging es um Menschen in dieser Ausbildung! Mehr als der juristische Aspekt interessierte mich aber die Frage: Warum tut ein Mensch so etwas? Was treibt jemanden dazu, zu stehlen, zu betrügen, zu verletzen oder gar zu töten?

Und dann kam ER. Ein Strafrechtsprofessor der anderen Art. Er trug ein Flinserl und saloppe Kleidung. Äußerlichkeiten schienen ihm völlig egal zu sein. Doch wovon er sprach, ließ mich nicht mehr los: “Als Juristen sollten Sie sich auch mit der Frage beschäftigen, WARUM jemand zum Täter wird.” Und er meinte weiter: “Niemand wird als Betrüger, Dieb oder Mörder geboren. Es sind die Lebensumstände, die die Menschen dazu machen.”

Dann berichtete er uns von der Möglichkeit, sich schon während des Studiums ehrenamtlich in der Bewährungshilfe zu engagieren. Einige Wochen später wurde ich bereits dort zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen und wieder einige Zeit darauf saß ich meinem ersten “Klienten”, M., gegenüber.

M. war erst 17 Jahre alt. Er hatte mit einem Klappmesser in der Hand das Delikt der “gefährlichen Drohung” an einem Freund, der ihn herabgewürdigt hatte, begangen. Aufgrund seines jugendlichen Alters wurde ihm die Strafe unter der Auflage, sich regelmäßig mit einem Bewährungshelfer zu treffen, nachgesehen. Verloren, innerlich verängstigt und orientierungslos kam mit das männliche Riesenbaby, das mir da gegenüber saß, vor. Aber gefährlich? Eigentlich nicht. Ich bat darum, seine Mutter kennenzulernen, damit ich mir ein Bild von seiner Familiensituation machen konnte. Wir trafen uns zu Dritt in einem Linzer Caféhaus.

Wie ein Häufchen Elend lungerte M. dort neben seiner übermächtigen Mutter. Diese ließ kein gutes Haar an ihrem Sohn. Sie keppelte und keppelte. Sie nahm ihm jegliche Würde. Irgendwann hörten M. und ich gar nicht mehr zu, worüber sie schimpfte. Wir sahen uns in die Augen und ich verstand. Vermutlich mehr als in acht Semestern Jus-Studium.

© LillyRuth 04.11.2019