der letzte tag meiner kindheit

schulen. das sind hohle räume welche starr versuchen, junge menschen zu befüllen bis diese zu zerplatzen drohen. schulen sind antiquiert und waren dabei nie zeitgemäß. nie menschengemäß. sie zwingen in den jungen menschen gedankensud hinein, solange, bis der junge mensch erstickt in seiner vollkommenheit oder fragwürdige eigenschaften entwickelt, um in diesem hohlen systemen zu überleben.

der letze tag der volksschule war der abschied vom letzten verbliebenen stückchen meines kind seins. ich spürte es deutlich. es drückte sich in ehrlichen tränen aus. die ferien hatten begonnen, die mitschüler waren froh, sich nun wieder ihren kinderträumen und inneren forschern widmen zu dürfen.

mir schienen die bevorstehenden ferien allerdings wie ein letztes verdampfendes tröpfchen meiner freiheit. zu wenig wertvolle zeit, um mich dort zu finden, wo ich hingehören wollte, zu wenig raum, um mich weiter zu suchen, bevor es mich in ein weiteres system hineinzwingen sollte.

es war der letzte tag meiner kindheit - der beginn der sommerferien bevor es in eine neue unbekannte menschen-mach fabrik gehen sollte. meine tränen waren tagelang unermüdlich. als würden sie vermuten, dass wenn sie ihren kampf aufgeben sollten, mich verlieren, ich mich verliere, ich verschwinde. im leblosen diktat der funktionierer und dessen verlierer.

ich kann mich nicht an diesen sommer und diese ferien erinnern. nur, dass ich wochenlang versuchte, alle möglichen erinnerungen an meine vergangenen jahre und also die letzten tage meiner kindheit zusammen zu kratzen. wie besessen davon, sie behalten zu wollen. nicht verlieren zu dürfen.

die neue schule war tödlich. tödlich für alle meine stärken und neugierigen potentiale welche sich zu kleinen jungen pflänzchen in mir entwickelt hatten. es war das system der unkreativen, der ängstlichen und starren in welches ich hineingezwungen wurde um selbst unkreativ, ängstlich und starr zu werden. doch statt dessen verlor ich mich. denn es war mir unmöglich starr zu sein.

so begann ich, meinem aussen zu entsprechen. mein innen zum aussen zu machen. es war mir nicht möglich, eine angepasste zu werden. denn viele meiner pflänzchen hatten schon gut wurzeln gefasst. trotz allem verlor ich mich mehr und mehr in dieser für jede seele tödlichen umgebung. bis ich nur mehr sprachlos entsprach. meine stimme versagte. ich wurde eine gefahr für die funktionierer und ein schlechter einfluss für die strebsamen und ungewollten. ich war allein in einer welt, aus welcher ich mich ein viertel jahrhundert und mit viel mut herauszuschälen gewagt habe.

heute weiss ich, dass ein paar jahre gestohlene kindheit ein paar jahrzehnte erwachsenenleben benötigt, um wieder zu seinen ursprünglichen stärken, freuden und neugierigen potentialen zurück finden zu können. doch es war machbar. dieser erwachsene mensch, der ist einer von den guten. einer von den tapferen. voll neugierde, mut und innerer freiheit. dieser mensch bin ich.

© Lisa Held