Von der Traurigkeit

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Von der Traurigkeit | story.one

Oft überfällt sie mich über Nacht. Ich ging noch mit Plänen und Vorfreude ins Bett und am nächsten Tag ist davon nicht mehr viel übrig. Es ist als ob sich ihr Schleier im Schlaf über mich gelegt hat und nun da der neue Tag angebrochen ist, bleibt er an mir kleben.

Mein Verstand versucht Gründe für sie zu finden. Er will logisch nachvollziehen was denn passiert sein könnte über Nacht. Er fängt an zu analysieren. Etwas muss er übersehen haben. Es muss doch etwas geben was sie eingeladen hat zu kommen.

Je länger es dauert die Antwort zu finden, desto mehr Panik macht sich in meiner Brust breit. Draußen ist es kalt und grau und ich will mich nur unter der Decke verstecken.

Mir ist kalt, die Kälte kriecht in die Knochen rein und will mich nicht verlassen. Ich muss aufstehen, der Alltag bleibt wegen ihres spontanen Besuches nicht stehen. Ich bemerke wie ich schon wieder das Atmen vergesse und zwischendurch schnell die Luft einsauge und tief einatme. Ganz ruhig, sage ich mir. Ist nicht so wichtig. Wird schon wieder. Die Uhr tickt und der Tag beginnt. Er lässt sich nicht aufhalten, ich habe keinen Pausenknopf für ihn. Dabei bin ich doch so unglaublich müde. Erstmal Kaffee. Kaffee wird helfen, ganz bestimmt. Meine Augen und meine Stirn schmerzen, dauernd fahre ich mir durchs Gesicht. Weg damit. Resigniert schüttelt sie den Kopf. Sie hat nicht vor zu verschwinden. Sie sieht mich an, will mir etwas begreiflich machen, doch ich verstehe sie nicht. Was willst du von mir? Was habe ich schon wieder falsch gemacht? Ich achte doch auf alles. Ich passe gut auf mich auf.

Nichts. Keine Reaktion.

Ich mache einfach weiter mit meinem Tag, solange ich in Bewegung bin, kann ich sie vielleicht abschütteln. Je mehr ich zu tun habe, desto weniger spüre ich sie.

Ich nehme alles von außerhalb von mir wahr. Das Lachen der Menschen ist mir zu schrill, was sie sagen nervt mich obwohl ich gar nicht höre was sie mir sagen. Fröhlichkeit belästigt mich und ich will einfach mit niemanden reden. Wenn mein Telefon läutet überfällt mich die Panik. Ich will nur weinen und mich irgendwo verstecken. Haltet mich jemand fest und verspricht mir, dass ich nichts mehr tun muss? Dass ich einfach auf Pause schalten kann? Wieso ist alles gerade so laut? Wo bleiben meine Gelassenheit und mein Vertrauen, dass es schon gut werden wird? Wer ist das? Was ist das?

Ich bin es, sagt sie leise, deine Traurigkeit. Kennst du mich denn nicht schon seit langer Zeit? Ich gehöre zu dir und ab und zu besuche ich dich. Aber keine Angst, ich bleibe nie lange. Versprochen.

© Lisa Zauner 26.01.2020