Abschied von "Augustin"

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Abschied von "Augustin" | story.one

Fünfmal die Woche bin ich an ihm vorbeigegangen, oft gleich zweimal am Tag. An ihm vorbeigehetzt bin ich eigentlich, auf dem Weg in die Arbeit oder wieder nach Hause. Er war -obwohl ein sehr kleiner Mann- nicht zu übersehen. Und schon gar nicht zu überhören. "Augustiiiin, ganz neu!" schallte es durch die Westbahnhof-Passage schon bis zur langen Rolltreppe.

Immer wusste ich: Er ist da. Mein erster "Sozialkontakt" des Tages. Wie vielen anderen mochte es so gehen wie mir? Die kleine Freude, am Morgen von immer wachen Augen wahrgenommen und freundlich begrüßt zu werden. Die kleine Freude, von Weitem schon in einer Ecke den Rucksack mit dem Zeitungsvorrat und der Trinkflasche zu sehen, die Beruhigung: Es ist ein Tag wie jeder andere. Er, der afrikanische Augustinverkäufer, ist da.

Rechts und links fluteten die Werktätigen an ihm vorbei. Ab und zu schälte sich jemand aus der Masse und wechselte ein paar Worte mit - ja, wie hieß er eigentlich?

Er hatte sich offenbar durch die jahrelange immer pünktliche und freundliche Präsenz an seinem Standplatz einen Kundenkreis, eine "Fangemeinde", einen Freundeskreis geschaffen.

Immer nahm ich ihn wahr, immer fragte ich mich, wovon er lebt, aus welchem Land er kommt, wo und unter welchen Umständen er hier im Land wohnt. Immer war ich zu gehetzt, um in Kontakt zu treten. Nur zweimal habe ich es geschafft, mit - um Zeitverlust zu vermeiden- mit schon vorbereitetem "Fünfer" eine Augustin-Ausgabe zu kaufen. Zweimal in drei Jahren.

Dann eines Tages blieb es still in der Passage. Eine weibliche Augustinverkäuferin nahm exakt seinen Standplatz ein, als wäre es nie anders gewesen. Am Rand, nicht mehr wie früher in der Mitte, entdeckte ich ihn, meinen afrikanischen Verkäufer. Er blickte hilf- und fassungslos zu seinem offenbar ehemaligen Standplatz. Er sah das, was er immer gesehen hatte, die flutenden Massen - nun aus anderer Perspektive. Er schaute seinem vergangenen Leben zu.

Seine Rolle war offenbar zu Ende. Tage später stand auch die Frau nicht mehr am üblichen Platz. Ein letztes Mal entdeckte ich "ihn" am Rand, diesmal eine Mischung von Fassungslosigkeit und Traurigkeit im Blick auf seinen leeren Platz, auf den, den er nicht mehr einnehmen durfte, die ich nicht vergessen kann.

Ich hätte zu ihm hingehen können. Ich hätte zu ihm hingehen wollen. Ich hätte mich bei ihm bedanken können. Ich hätte mich bei ihm bedanken wollen. Vor allem hätte ich ihn fragen wollen, warum er hier steht und nicht dort.

Ich habe es nicht getan.

Nun kann ich ihn nicht mehr fragen.

Manchmal überlege ich, jemanden anzusprechen, der ihn gekannt haben muss: Vielleicht den ägyptischen Zeitungsstandchef in der Passage, oder die ausdauernden "Zeugen Jehovas"-Missionarinnen, oder den "Überflieger"-Verkäufer einen Stock höher.

Insgeheim hoffe ich, trostvolle Nachrichten zu erfahren. Aber ich kann mir nichts vormachen. Ich weiß ja, dass er nicht mehr kommen wird.

© Lisa