Die Blondinen meines Lebens

Mit vier Jahren trat die blonde Irmi in mein Leben. Aber das war kein Problem. Überzart und viel zu dünn, konnte sie oft nicht mithalten mit den anderen Kindern der Gasse. Das waren vorwiegend Buben, und Irmi erschien ihnen viel zu kapriziös. Da war meine Welt noch in Ordnung. Der siebenjährige Walter verlobte sich nicht mir ihr, sondern mit mir.

Doch dann kam Elke. Zielsicher wurde sie am ersten Gymnasialtag von ihrer Mutter an meiner Seite platziert. Zart und blond wie Irmi. Aber mit mildem Wesen und großen blauen Augen ausgestattet.

Mit siebzehn meldeten wir uns zu einer Spanien-Gruppenreise an. Jetzt wurde es richtig ernst für mich. Achtzig Prozent der dort verfügbaren jugendlichen Teilnehmer verliebten sich augenblicklich in Elke. Mein mühsam am Leben erhaltenes Flämmchen Selbstbewusstsein leuchtete stündlich schwächer. Täglich beruhigte sie mich über unsere unverbrüchliche Freundschaft. Und wirklich: Kein Herwig, Wolfgang oder Georg hielt sie davon ab, allabendlich unversehrt in unser Zweierzelt zurückzukehren. Aber der seelische Schaden war bei mir schon angerichtet.

War ich doch schon traumatisiert von der blonden Gabi! Unsere Eltern hatten sich geeinigt: Gabi und ich sollten- fünfzehnjährig- unser Englisch aufbessern. Und zwar sinnvollerweise in England. Sicherheitshalber im Schoße einer Familie mit einwandfreiem religiösem Leumund. Das Unheil brach über mich in Gestalt eines der sieben Kinder des frommen Paares herein: Der neunzehnjährige Adrian verliebte sich augenblicklich in Gabi. Hell leuchtete ihr blondes Haar an seiner Schulter, während ich trübsinnig hinter dem eng umschlungenen Paar englische Gärten durchwanderte.

Aber zurück zu Elke. In der gemeinsamen Orgelklasse am Mozarteum wurde es nicht besser. Im Gegenteil: Jetzt waren es schon neunundneunzig Prozent der Mitstudenten, die ihr Auge auf Elke und somit an mir vorbei warfen!

Ich warf das Handtuch. Und ging nach Wien. Nun bekam ich Oberwasser. Bald verband mich eine vielversprechende Freundschaft mit einem jungen Mann. Jedoch: Immer öfter hörte ich ihn völlig unnötigerweise den Namen einer Studienkollegin aussprechen. Noch bevor ich Irene kennenlernte, wusste ich: Sie war blond. Was ich erst ein wenig später wusste: Die beiden wurden ein Ehepaar.

Das Hauptobjekt für meine Blondinenstudien erschien schließlich in Person meiner blonden Studienkollegin Margit. Vierzehn gemeinsame Sommerurlaube lang hatte ich Gelegenheit, Phänomene wie dieses zu beobachten:

Ich liege mit Margit in einer nur durch den eigenen Garten zugänglichen Bucht. Vom weiten Meer nähert sich ein einsamer Schwimmer. Ein Adonis, mir -und vor allem Margit- unbekannter Herkunft entsteigt den Fluten. Er breitet sein Handtuch zielsicher neben jenes von Margit und lässt sich nieder. Allein die Anwesenheit von Margit hat ihm offenbar den Weg gewiesen. Ich kapituliere.

Aber ich klage nicht. Der Mann der blonden Irene, der ist später meiner geworden.

© Lisa