Grenzenlos frei

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Gespenstisch ruhig - ungewohnt ruhig - herrlich ruhig. Es ist einfach still auf der Straße. Kein autofreier-Sonntag-Sonntag oder Friday-for-Future- Freitag könnte jemals schaffen, was Corona kann. Ich schwinge mich auf mein Rad Richtung Arbeit - ja mit dem Rad, weil ich die Ruhe nicht stören möchte.

Herrlich- keine endlosen Auto- LKW- Ketten die zentimeterdicht an mir vorbeidonnern. Nichts. „So muss es mal in einem Land vor unserer Zeit gewesen sein“, denke ich und biege in die Altstadt. Dort wo sich die Autos normalerweise nur noch zentimeterweise vorwärtsschieben sause ich heute ungebremst durch. Gebremst werde ich erst an der Länderbrücke = Grenze = Gesperrt. Ich halte an. Ja, daran kann ich mich tatsächlich dunkel erinnern - Grenzkontrollen. Es ist wirklich verdammt lange her, aber in einem Land vor meiner Volljährigkeit, da gabs genau das an der Deutsch-Österreichischen Grenze: Grenzkontrollen.

„Schaut´s dass ihr gut ang´schnallt seid´s, Kinder und brav sein, wir kommen zur Grenz´“ kann ich meine Eltern sagen hören. Mein Bruder und ich machten uns manchmal den Spaß uns auf den Rücksitzen ganz klein zu machen, um uns unter unseren Jacken zu verstecken. "Ihr dürft nicht unsere Ausweise zeigen“, flüsterten wir aufgeregt und wartenten mit klopfenden Herzen darauf die Kontrolle zu passieren. Wir wagten kaum zu atmen und mussten doch immer wieder kichern. Was, wenn uns die Grenzer doch entdeckten? Müssten wir dann ins Gefängnis? War das spannend! Heute bin ich mir fast sicher, dass meine Eltern damals auch unsere Ausweise zeigten, mit einem Zwinkern und einer Kopfbewegung zu den sich leicht bewegenden Jackenbergen auf der Rückbank. Aber für uns war es das Abendteuer schlechthin.

Das ehemalige Grenzerhäusl ist heute eine Eisdiele, an der sich im Sommer die Leute drängen- ohne Mindestabstand. Die Übergangsgrenzer haben dafür eine der Weihnachtsmarktbuden als provisorisches Grenzerhäusl bekommen.

Ich auf einer gänzlich leeren Länderbrücke. Kein Auto hinter mir, keines das mir entgegenkommt. Ich habe die Brücke ganz für mich allein. Mitten auf der Straße radle ich - das habe ich noch nie gemacht. Unter mir glitzert die Salzach in der Morgensonne - rechts in der Ferne leuchten die angezuckerten Gipfel von Untersberg und Watzmann. Das Gefühl: Grenzenlos frei. Etwa 20 Meter vor mir die Grenze - samt Grenzer. Autoritär deutet er mir mit gestrecktem Arm, dass ich anhalten soll. „Jetzt schon, oder darf ich noch a Stückerl näherkommen?“, rufe ich ihm fröhlich zu. Auch er grinst und deutet, dass ich (natürlich) näherkommen darf. Bis zum Coroanaabstand von 2 Metern- oder ein Bissal näher, damit er auch lesen kann was auf meiner Arbeitsbescheinigung steht.

Und da, in dem Moment, als ich die Papiere aus dem Rucksack krame, da ist sie wieder, diese Aufregung meiner Kindheit an den Grenzkontrollen. Ich zeige die Papiere ganz artig vor und warte gespannt: Lässt er mich passieren oder komme ich doch vielleicht ins Gefängnis?

© Lola