Verloren in Sibirien

8.4.2017, Tag 35, 1562 km: Auf frisch geräumter Eispiste erreiche ich heute endlich die Mündung des Omoloj. Schon seit Stunden sehe ich nichts weiter als Schnee und blauen Himmel – keine Anzeichen mehr von Land. Lediglich ein paar versprengte, weit entfernte Hütten deuten darauf hin, dass es hier noch irgendwo festen Grund geben muss. In der Monotonie der polaren Landschaft schärft sich mein Blick zunehmend für kleine Details. Am Horizont bemerke ich eigenwillige Eisberge, die ihre Form und Größe verändern und dann plötzlich anfangen zu schweben... Werde ich langsam verrückt? Nein, es ist eine Fata Morgana – eine Luftspiegelung entfernter Hügelketten.

Bei Sonnenuntergang treffe ich auf das Räumfahrzeug von gestern – es hat Mühe sich durch den harten Schnee zu stemmen und ist nun langsamer als ein Radfahrer auf dem Schnee daneben. Um weiterzukommen, folge ich wie gewohnt einer wilden Lkw-Spur. Am Abzweig entdecke ich ein unscheinbares Holzschild im Schnee: "Море Лаптевых" – "Laptevsee". Ich bin auf dem Arktischen Ozean angekommen! Voller Faszination, aber auch mit einer gehörigen Portion Ehrfurcht fahre ich hinaus in ein weißes konturloses Nichts – lediglich einer Fahrspur folgend, die jederzeit wieder verweht werden könnte. Etwa 220 km sind es noch bis Tiksi – 220 km über den gefrorenen Ozean – durch die schutzlose Einöde der Arktis! Eine Woche noch, schätze ich, vielleicht aber auch zwei, je nachdem wie sich Wetter und Piste geben.

Dann ein schwarzer Punkt am Horizont. Er bewegt sich, wird größer, kommt näher: ein Laster! Er kommt mir direkt vom Meer entgegen. Ich hebe mein 90 kg-Gespann aus der Spur, um die Fahrer passieren zu lassen. Natürlich stoppen sie, staunen über den Radfahrer, der auf sie wie ein Außerirdischer wirken muss. Aber natürlich wissen sie schon von mir, der Buschfunk funktioniert auch hier draußen prächtig und so begrüßt mich Nikolaj, der Fahrer, sofort mit den deutschen Worten "Hände hoch"! Kurz darauf sitze ich bei ihm und seinem Kollegen im Fahrzeug und schlürfe heißen Tee. Nikolaj steht voller Begeisterung hinter meiner Idee, mit dem Rad nach Tiksi zu fahren. Sein Kollege jedoch hält mich offenbar für bescheuert, bleibt er doch die ganze Zeit todernst und dreht ein paar mal symbolisch kommentierend den Finger am Kopf...

Schließlich bleibt auch hier der Abschied unausweichlich. Bei -25 Grad und fortgeschrittener Dämmerung stehe ich nach einer guten halben Stunde wieder allein in dieser endlosen Schneewüste. Ein paar Meter gehe ich noch, dann stelle ich mein Zelt auf, verankere es windsicher im harten Schnee und koche mir meine obligatorische Nudelsuppe. Der Vollmond wirft ein mystisches Licht über die surreal anmutende Szenerie. Ein Polarlicht flammt auf, züngelt in grünen Bögen und Vorhängen über den Himmel, während im Norden die Mitternachtsdämmerung den Beginn der weißen Nächte ankündigt. Ich befinde mich auf dem 71. Breitengrad – auf Nordkap-Niveau in Sibirien!

© lonelytraveller