Der Prediger

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Der Prediger | story.one

Während der Weltumsegelung, hatten wir es uns zur Gewohnheit gemacht, auf den Südseeinseln Sonntags-Messen unterschiedlichster Glaubensrichtungen zu besuchen. Als Atheisten, interessierten uns Kirchen eigentlich wenig. In der Südsee jedoch, fanden wir sie interessant, weil die Menschen dort sehr abhängig vom Glauben waren. Wer nicht glaubte, grenzte sich aus. Unser Interesse war sozusagen gesellschaftspolitischer Natur. Je ärmer das Volk, desto dominanter waren meist die Kirchen.

So auch auf Tonga.

Die Methodisten-Kirche war gerammelt voll. Wir ergatterten gerade noch zwei Plätze. Nachdem es sich die Kirchgänger mit ihren nicht unerheblichen Hinterteilen, auf den harten Bänken bequem gemacht hatten, rauschte der Prediger, ein bebrillter Mann mit wehendem Kirchengewand, an das Rednerpult. Seinen strengen Blick fest auf die Kirchengemeinde gerichtet, begann er mit der Rede. Die Tongaer stellten unmittelbar ihr Palaver ein und alle Blicke richteten sich nach vorne. Was nun folgte, glich dem perfekten Monolog eines begnadeten Burgschauspielers.

Der Prediger flüsterte, schrie und weinte in nicht vorhersehbaren, dramatischen Wendungen. Das Publikum folgte gespannt. Der Gesichtsausdruck und die Haltung der Kirchgänger folgte synchron dem Vortrag des Predigers. Die Palette reichte von gefasst über schockiert, bis hin zu unterwürfig und beschämt.

Der Mann hatte zweifelsohne Talent. Allein durch den Klang seiner Stimme, der Mimik und Gestik hatte er alle im Griff. Er verfügte über außerordentliche manipulative Kräfte. Als er nach der halbstündigen Predigt fertig war, wurde es ganz still im Raum. Die Insulaner wirkten bedrückt. Wir waren beeindruckt. Was hatten sie wohl angestellt? Die Gemeinde hatte offenbar schwer gesündigt! Obwohl wir kein Wort verstanden, hatte die negative Energie auch uns erfasst.

Als eine Art Befreiungs-Schlag folgten anschließend wilde und laute Gesänge bei denen sich die Kirchengemeinde musikalisch abreagierte. Danach entließ sie der Prediger mit einer huldvollen Geste. Er wechselte von der Bühne zum Ausgang und schüttelte jedem Insulaner die Hand. So konnte ihm keiner entwischen. Er deutete gebieterisch auf eine Blechbüchse in welche die Tongaer mit meist schmerzhaftem Gesichtsausdruk ein paar Münzen und Geldscheine warfen. Uns tat das in der Seele weh, denn wir wussten, wie arm die Insulaner waren.

Später erfuhren wir von einem englisch sprechenden Tongaer, dass der Prediger, seine Unzufriedenheit bezüglich des geringen Spendenaufkommens zur Erhaltung der Kirche Luft gemacht hatte. Es wollte einfach nur Geld für die Kirche eintreiben. Nun begriffen wir den Sinn dieser emotionalen Vorstellung. Gleichzeitig waren wir ganz sicher, dass dieser Mann, mithilfe seines rhetorischen und manipulativen Talentes, sein Ziel erreichen würde, auch wenn sich die Tongaer das Geld vom Mund absparen mussten.

Wir aber, waren von Predigten geheilt.

© LoPadi 14.04.2019