Der Putzi- Blick

Regen, Regen, Regen. Mein kritischer Blick entdeckt beim Betreten des Wohnzimmers nichts Auffälliges. Die beiden mir bekannten Arten von Staub, scheinen unsichtbar geworden zu sein. Das fahle Licht des düsteren Tages entzieht sie meinem „Putzi- Blick“.

Ich lege mich entspannt auf die einladende Couch und nehme ein längst überfälliges Buch zur Hand. Es besteht aus vielen, vor allem uninteressanten Seiten. Die Handlung ist kompliziert, der Stil anstrengend. Ich muss mich richtig konzentrieren, um nicht den Faden zu verlieren. Prinzipienlose, würden einfach den Schluss lesen, das vermutlich einzig Interessante an diesem Wälzer.

Schon nach zehn Minuten langweile ich mich. Genau in diesem Moment kommt die Sonne hinter den dunkel umrandeten Regenwolken hervor und strahlt durch das frisch geputzte Fensterglas. Ich genieße das Gefühl, eine ordentliche Hausfrau zu sein und wende mich wieder selbstzufrieden dem Buch zu. Dabei streift mein Blick zufällig den gläsernen Beistelltisch.

Mit einem Schlag verpufft meine Selbstzufriedenheit. Mit Entsetzen nehme ich einen hellgrauen Film am Glas wahr. Nur in der Mitte glänzt ein sauberer Fleck in Buchformat. Staub! Das kann doch nicht sein, ich habe doch gerade erst. „Schlampig, schlampig, ruft mein schlechtes Gewissen, du weißt doch, wie das ist mit dem Staub. Jeden Tag müsstest du, jeden Tag!“ Ich seufze, erhebe mich und mache mich auf den Weg zum Schrank, wo sich jene Utensilien befinden, die jede anständige Hausfrau glücklich machen.

Auf dem Weg dorthin entdecke ich die nächste Sauerei. Die Zimmerlinde hat sich still und heimlich von ein paar Blättern getrennt und diese einfach auf den nun ebenfalls, staubigen Boden fallen lassen. Warum habe ich überhaupt noch das Buch in der Hand? Wie es aussieht, komme ich heute ohnehin nicht mehr zum Lesen. Also weg damit. Und prompt, als ich mich nach den Blättern bücke, naht schon die nächste Katastrophe.

Hinter den Blumentöpfen hockt ein luftig, leichtes Knäuel aus Staub, Flusen und Haaren. Ein Lurch! Widerlich. Nach und nach legt die unbarmherzige Sonne weitere unappetitliche Details frei. Brösel auf der Polstergarnitur, wie oft soll ich meinem Mann noch sagen dass … Es folgen dunkler Staub auf hellen Flächen und heller Staub auf dunklen Flächen. Urplötzlich verwandelt sich ein düsterer aber entspannender Regentag in ein sonniges Horrorszenario.

Überall, sichtet das „Putzi-Auge“ unfassbar schmuddelige Details. Dabei bin ich noch nicht einmal beim Schrank angelangt und statt ein Buch zu lesen, kratze ich nun Krümel vom Möbelstoff. Mit dem tiefen Seufzer der Erleichterung verschwinden Krümel, Blätter und Lurch im Abfalleimer. Nun noch den Staubwedel geholt und …

Aber so plötzlich wie die Sonne gekommen ist, verschwindet sie hinter der nächsten Regenfront. Der Wind hat gedreht und die Regentropfen prasseln gegen meine frisch geputzten Scheiben. Doch das düstere Licht trübt meinen Blick. Ich greife nach meinem Buch …

© LoPadi