„Noch ein Glas Wein?“

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Die Tür des Restaurants öffnete sich. Nun war er da. Instinktiv richtete ich mich auf, denn die stattliche Erscheinung war äußerst Respekt einflößend und ich wollte nicht allzu klein erscheinen. Jetzt nur nichts falsch machen, dachte ich und wischte mit der rechten Handfläche über den Stoff meiner Hose, um sicherzugehen, ihn nicht mit einem verschwitzten Händedruck begrüßen zu müssen. Mein Puls war etwas höher als gewohnt und ich ermahnte mich, ruhig zu bleiben und das Atmen nicht zu vergessen.

Das war gerade schwierig, denn in meiner Lunge hatte sich bereits einiges an Luft angesammelt und wollte unbedingt raus. Dennoch vermied ich es tunlichst, lautstark auszuatmen, denn ich fürchtete dadurch meine Angespanntheit zu verraten. Mir blieb nichts anderes übrig, wieder bewusster aber dennoch unauffällig ein- und auszuatmen, um dem vermeintlichen Unheil, dass gerade auf mich zukam, nicht mangels Sauerstoffzufuhr vor die Füße zu fallen.

Immerhin handelte es sich um meinen Vorgesetzten, der zufällig auch der Controller war. Als er unmittelbar vor mir stand, nahm ich den dezenten Geruch seines Eau de Colognes wahr und bemerkte die akribisch gepflegten Hände. ‚Buchhalter eben‘, schoss es mir durch den Kopf. „Warten sie schon lange?“, sagte er und neigte seinen großen Kopf mit dem akkurat kurz geschnitten, grau melierten Haar, in meine Richtung. Dabei fiel mir sein flacher Hinterkopf auf und plötzlich überkam mich der absurde Gedanke, dass dies ein Zeichen geringer Intelligenz sein könnte, was ich nach reiflicher Überlegung wieder verwarf.

Er war perfekt gekleidet, die Bügelfalte seiner grauen Flanellhose war messerscharf und der Saum seiner Hose lag genau mit diesem einen Knick auf den glänzend polierten Schuhen, wie es sich gehörte. Das passende Tweed Sakko über dem tadellos gebügelten hellblauen Hemd war makellos, aber von dezenter Zurückhaltung. Wie immer, ergänzte eine perfekt abgestimmte Krawatte seine äußere Erscheinung. Einzig seine imposante Größe passte nicht ganz in das übliche Bild eines zahlenverliebten Buchhalters.

Er setzte sich und betrachtete kurz die frischen Blumen auf dem strahlend weißen Tischtuch, welche ein gut geführtes Restaurant vermuten ließen. „Was möchten sie trinken?“, fragte er. Mir war nach einem Glas Wein, aber stattdessen sagte ich bescheiden: „Ein Mineralwasser, bitte.“

„Ist es in Ordnung für sie, wenn wir vorerst nur etwas trinken und erst nach der Besprechung etwas essen?“, fragte er. „Ja, natürlich“, antwortete ich. Daraufhin winkte er der Kellnerin und bestellte für mich ein Wasser und für sich ein Viertel Zweigelt. Dass viele Reden machte mich durstig, und so griff ich des Öfteren zum Glas. Dies bewirkte, dass die Anspannung mit jeder Minute sank. Allerdings nur bis zu jenem Moment als der Controller fragte: „Noch ein Glas Wein für sie?“ Noch ein Glas Wein? Ich sah nach meinem Glas Wasser. Das allerdings war unberührt. Das Weinglas des Controllers jedoch war leer.

© LoPadi