Reich und schön

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Reich und schön | story.one

Sie war uns schon in Moorea auf Französisch-Polynesien aufgefallen. Die wunderschöne Yacht ‚Latifa‘ samt ihrem attraktivem Eigner und seiner nicht minder schönen Frau und zwei Kindern. Wenn diese Augenweide von einem Schiff in einer leichten Brise über die türkisfarbene Lagune glitt, war das ein unvergesslicher Anblick. Unter Vollzeug sahen ihre Segel aus wie eine weiße Wolke, die über dem Wasser schwebt. Ich verliebte mich sofort in diese Yacht. In diese ‚Lilie der See‘, wie der Schriftsteller Joseph Conrad die eleganten Linien so treffend beschrieb. Sie war vollständig aus Holz und in den dreißiger Jahren in England gebaut worden.

Frau und Kinder waren nur selten an Bord. Stets waren stets nackt und deshalb wurde in gebührendem Abstand zu anderen Schiffen geankert. Bella Signora hasste das Segeln von Herzen, denn wie sie mir später verriet, vermisste sie das Kindermädchen, die Köchin und die Reinigungsfrau. Deshalb musste der arme reiche Mann stets allein über die Ozeane segeln.

Viele Monate später, auf Tonga, durfte ich die Latifa endlich betreten. Der Eigner persönlich holte mich mit dem Beiboot ab und lud mich ein, das Schiff zu besichtigen. Meinen Mann ließ er nonchalant links liegen. Bella Signora war ebenfalls an Bord und bat mich unter Deck. Ich bewunderte das wunderschöne Holz-Interieur und die lederbezogenen Sitzbänke in ‚British racing green‘. Die Fenster des Deckssalons waren aus Panzerglas. Unter Deck stand ein riesiger Tisch aus Teak, den ein echtes Bonsai Bäumchen schmückte. In der hübsch eingerichteten Pantry klagte mir Bella Signora ihr Leid, denn hier müsse sie selbst kochen. Schrecklich!

Zwei Tage später hielt mir der Eigner an einer Bar auf Tonga stolz seinen Ringfinger unter die Nase. Er hatte sich ein winziges kreisförmiges Tattoo stechen lassen, welches er unter dem Ehering verbarg. Man will ja später im Heimathafen nicht auffallen, meinte er mit ernster Miene.

Dann zeigte er uns das zweite Tattoo. Aber was sollte das sein? Er erklärte es. Uns blieb die Spucke weg. Der Mann hatte sich am Oberarm eine kunstvoll gestaltete Vagina stechen lassen. Dass es eine war, konnte man erst nach einer ausführlichen Erklärung erkennen und selbst danach musste man ganz genau hinsehen. Am nächsten Tag wollte er das Kunstwerk mit einem Penis ergänzen. Ein Glück, dass man polynesische Tätowierungen sehr individuell interpretieren konnte.

Er war offensichtlich in einen Tattoo-Rausch geraten oder wollte er uns etwa veräppeln? Obwohl mir die polynesischen Natur-Symbolik in den Tattoos sehr gefiel, gehörten sie für mich auf braune, pralle Südseehaut. Wunderschön bei den Polynesiern mit ihren geschmeidigen Bewegungen anzusehen. Fraglich, ob eine angebliche Vagina auf blasser, italienischer Haut, irgendwann alt und schrumpelig, nicht das Gegenteil von anziehend werden könnte.

Für uns war diese italienische Variante von ‚Reich und schön‘ ein amüsantes Erlebnis, das unvergessen bleibt.

© LoPadi