Tati und die Zigeuner

Als kleines Kind hatte ich noch keine konkrete Vorstellung von Europa oder gar der Welt. Meine Welt waren ein Bauernhof in der Steiermark, Kühe, Schweine und Hühner. Natürlich auch meine Großeltern, Tanten und Onkel. Großvater war der „Tati“ und Oma war die„Mam“.

Keine andere Sprache habe ich jemals aus dem Mund meiner Familie gehört als den Dialekt, in den wir hineingeboren wurden. Mein Großvater war ein Despot. Meine Oma eine Geduldige. Meine Mam, kam vor lauter fleißigem Arbeiten, ohnehin zu nichts anderem. Dabei war sie aus gutem Haus und hat für ihre große Liebe, auf ihr Erbe verzichtet. Sie hat dem „kleinen Eisenbahner“, wie ihre Eltern ihn verächtlich nannten, vertraut und mit ihm bei null begonnen. Tag und Nacht hat sie geschuftet und vier Kinder aufgezogen.

Eines ihrer Kinder ist mit Zwölf an Kinderlähmung gestorben und ein Zweites war von Geburt an taub. Der Ersatz für das Verstorbene wurde ich. Sie gaben mir sogar denselben Namen. Seine Kinder hat mein Großvater mit äußerster Strenge erzogen. Mein Vater befreite sich davon und hat in einen weit entfernten Bauernhof eingeheiratet. Mich ließ er zurück bei den Großeltern. Meine Mutter kannte ich gar nicht. Sie ging nach meiner Geburt, zurück zu ihren Eltern nach Salzburg. Sie war mit sechzehn in der Lehre bei meiner Großmutter und hat das damals sicher nicht selbst entschieden. Mein Onkel wäre gerne Fotograf geworden, aber er war für die Hofübergabe vorgesehen und damit war der Fall erledigt. Ich blieb bei den Großeltern, meinen Kühen, Schweinen und Hühnern. Das war meine Welt und ich fand sie schön.

Als ich fünf war, verkaufte mein Großvater alles, was er aufgebaut hatte, um sich wirtschaftlich zu verbessern. Er ersteigerte ein heruntergewirtschaftetes Gut in Kärnten und fing noch einmal von vorne an. Alle mussten mit, auch ich. Trotz seiner Strenge war Tati mein Held. Ich liebte ihn sehr. Meiner Mam kam oft die „Hand aus“- wie man es damals nannte, meinem Tati nie. Deshalb war sie die Mam und nicht die Mami!

In Kärnten war alles anders. Es war milder und wärmer, aber es gab kaum Berge. Die fehlten mir. Dafür gab es andere neue und spannende Dinge. Zweimal im Jahr kamen die Zigeuner mit ihren Wagen zu uns an den Hof. Ich verstand überhaupt nicht, warum mein sonst so leutescheuer Tati, diese Fremden auf den Hof ließ. Aber er tat es. Für mich war es eine willkommene Abwechslung und eine völlig neue Welt. Die Kinder der Zigeuner waren scheu, hatten dunkle Augen, waren schmutzig und trugen bunt zusammengewürfelte Kleider. Wir näherten uns über die Augen und vorsichtigen Gesten an. Wir wagten nicht, uns zu berühren. Es war fremd und aufregend. Meine Mam brachte ihnen Milch und Eier und ich sah, wie ihre Augen leuchteten.

Es war mein erstes Erlebnis mit einer fremden Kultur. Ich erinnere mich, an die Behutsamkeit, mit der wir uns begegneten. Es war klein Europa in einem misstrauischen Umfeld voller Vorurteile. Und wenn mein Tati das geschafft hat, dann schaffen wir das wohl auch!

© LoPadi