Durst

Fritz war glücklich. Jetzt und hier. Trotz des nüchternen Hotelzimmers. Der Grund lag eng an ihn gekuschelt in seinen Armen. Aber Liebe macht auch durstig. Einen Kater hatte er auch, denn sie hatten mit viel Wein bei köstlichem Essen den freien Abend ausgiebig gefeiert.

Wir sollten das öfter machen, dachte er und sah auf die Uhr. Vier Uhr morgens. Sein Mund war trocken. Er tastete nach der Wasserflasche am Nachttisch. Dabei versuchte er sein „Mädchen“ wie er seine Frau liebevoll nannte, nicht zu wecken. In der Dunkelheit fühlte er die kühle Oberfläche des Glases. Er hob die Flasche an. Sie war leicht, zu leicht. Sie war leer. Fritz seufzte ärgerlich, während sein Durst immer größer wurde. Kurz überlegte er ins Bad zu gehen und Leitungswasser zu trinken. Aber ihn ekelte bei dem Gedanken an den chemischen Geschmack. Er überlegte. Sollte er den Weg vom vierten Stock des Hotels in die Lobby auf sich nehmen? Dort stand ein Getränkeautomat. Gedanklich rieselte das köstliche Nass bereits durch seine ausgetrocknete Kehle. Vorsichtig löste er sich von seiner schlafenden Frau und erhob sich.

„Ich gehe nur schnell Wasser holen, flüsterte er. Schlaf weiter.“ Sie erwiderte etwas im Halbschlaf, das Fritz nicht verstand und drehte sich zur Seite. Er zog die Unterhose an, die er aus dem achtlos hingeworfenen Kleidungsstücken zog. Er lächelte wieder, denn ihm fiel ein, wie leidenschaftlich der Abend geendet hatte. Am liebsten hätte er sich wieder an seiner Frau gekuschelt, aber das Verlangen nach einem Schluck köstlichen Wassers war stärker. Aus Bequemlichkeit beschloss er, nur das Shirt überzustreifen, und Schuhe anzuziehen. Auf mehr verzichtete er. Es zahlte sich nicht aus. Er öffnete die Tür und lauschte in den Gang. Stille. Fritz erreichte den Aufzug und huschte hinein. Er drückte den Knopf in die Lobby und die Kabine rauschte in die Tiefe. Während der Abwärtsfahrt schien ihm, als höre er Stimmen und Gelächter. Es wurde immer lauter, je mehr die Anzeige nach unten zählte. Drei- zwei... Er blickte an sich herab. Eine verkaterte Gestalt in Shirt, Unterhosen und Halbschuhen. Eine furchtbare Ahnung stieg in ihm auf. Aber es war schon zu spät. Die Tür des Aufzuges öffnete sich.

Sein Blick erfasste eine ausgelassen feiernde Menschenmenge. Fritz fühlte die Hitze in sein Gesicht steigen und hatte nur noch einen Wunsch. Nichts wie weg. Die Türe möge sich so schnell wie möglich schließen. Sie tat ihm den Gefallen nicht. Stattdessen verstummten die Feiernden und blickten fasziniert auf die Erscheinung am anderen Ende der Lobby. Fritz stand wie gelähmt und senkte beschämt den Kopf. Man hätte eine Stecknadel fallen hören.

Endlich unterbrach jemand die peinliche Stille und rief: „Komm trink mit uns“. Und Fritz trank mit ihnen. Die ganze restliche Nacht. In Unterwäsche und Stiefeln, während sein Mädchen ahnungslos und friedlich schlief.

© LoPadi