Future Shock...

Es piepst. Eine roter Lichtpunkt blinkt an meinem linken Handgelenk. Daneben strahlen drei azurblaue Tropfen durch die blasse dünne Haut. Ich weiß, was mir blüht. Wenn ich nicht innerhalb von fünf Minuten trinke, wird mein Lebenskonto negativ belastet. Wie ich das hasse! Ich sehe mich in meiner sterilen Zelle um. Kein humanoider Roboter in Sicht. Gut. Tagsüber verfolgen mich diese Gesellen mit ihren unerträglich guten Manieren. Nachts verfolgen sie mich als Monster der Vergangenheit. Immer die gleichen quälenden Bilder.

Unschuldige Menschen werden von Kriegsrobotern aus den Häusern gezerrt. Alle „Verbrechen“ der Gefangenen werden an Ort und Stelle in den freien Raum projiziert. Es sind längst vergessene kritische Einträge in sozialen Medien. Dann die nackte Angst in den Augen der Opfer. Das Flackern und Flehen darin. Aber es ist um sie geschehen.

Europa hatte 2020 alles verschlafen. Müde, satt und abgelenkt von Problemen wie Islamisierung, Zuwanderung und diversen Skandalen in der Industrie kümmerte sich niemand um Verteidigung, Forschung und Visionen.

Selbstständiges Denken und Handeln waren gesellschaftspolitisch längst abgeschafft. Von Ethik ganz zu schweigen. Rechtspopulisten zettelten 2025 einen Bürgerkrieg an. Deutschland brannte.

Amerika spielte längst nicht mehr Weltpolizei und Russland verbündete sich mit China in ideologischer Einigkeit. Die Aufteilung Europas war unter diesen beiden Mächten schon ausgehandelt, als sie am 01. Jänner 2030 angriffen. Geschwächt vom Bürgerkrieg leistete Europa kaum Widerstand.

Die größte und umfassendste Gehirnwäsche in der Geschichte der Menschheit begann. Und das Unglaubliche geschah. In nicht einmal fünf Jahren wurden aus selbstständig denkenden Europäern regimetreue Gelbe. Digitalisierung sei Dank.

Und heute 20 Jahre später? Eingesperrt in einer 20 Quadratmeter großen Zelle eines Altenblocks, wacht künstliche Intelligenz über mich. Als Versuchskaninchen für die Alters-Datenforschung trage ich einen Chip im Handgelenk. Mit 92 bin ich noch erstaunlich gesund und beweglich und damit Daten-spezifisch wertvoll, denn heutzutage wird man nicht mehr so alt. Man muss „nachhelfen“ und die Pharmakonzerne wollen wissen, wie und womit. Pille oder Implantat. Zweimal täglich muss ich mich in meiner Zelle unter den Body Scan stellen, um neueste Daten zu liefern. Alles nur, um der Oberklasse eine Lebenserwartung von mindestens 120 Jahren zu ermöglichen. Wenn keine neuen Erkenntnisse mehr aus mir herauszuholen sind, werden sie mich entsorgen, wie die anderen Mitbewohner zuvor. Ich habe nur mehr eine Freundin hier. Anna- sie ist schon 102. Wenn sie nicht mehr sein wird, werde ich mich nur noch mit humanoiden Robotern unterhalten können. Selbst wenn ich „Scheißkerl“ zu ihnen sage, lächeln sie nur blödsinnig.

Wenn Anna nicht mehr lebt, trinke ich einfach nicht mehr, bis mein Lebenskonto verbraucht ist. Ein tröstender Gedanke ...

© LoPadi