Berührt...

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Berührt... | story.one

Heute bin ich 13.

Damals war ich 9.

Meine Mutter, meine ältere Schwester Luana und ich waren auf dem Weg in die Unfallklinik Murnau in Deutschland. Ich spürte Angst und Freude zugleich …

… vor fünf Monaten, als wir in Schottland waren, erreichte uns eine unfassbare Nachricht. Die Freundin meiner Mutter, Andi, sollte eine weitere Tochter zur Welt bringen. Alles lief wie geplant und Charlotte wurde gesund geboren. Doch kurz nach ihrer Geburt war Andi auf Grund eines Herzstillstandes und einer Lungenembolie in Lebensgefahr geraten. Sie wurde sehr lange und oft wiederbelebt, mehrmals operiert und lag drei Monate auf der Intensivstation. Wie ein Wunder überlebte sie, verlor aber durch Komplikationen beide Hände und Füße. Wir hofften jeden Tag, dass sie weiterkämpfen würde. Danach erfolgten Reha-Maßnahmen und die Anpassung der Prothesen …

Ich war gespannt, aufgeregt und konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass ich Andi nun endlich sehen durfte. Ich war sehr verunsichert und wusste nicht, ob und welche Fragen ich ihr stellten konnte. Aber ich war auch überglücklich, dass Andi nicht aufgegeben hat zu kämpfen und dass Charlotte noch eine Mutter hatte.

Als ich das Krankenhaus betrat, wirbelten mir eine Menge Fragen durch den Kopf: „Wie sieht sie wohl aus?“, „Möchte Andi über all das überhaupt reden?“ und „Was, wenn sie wegen unserer Fragen zu weinen beginnt?“. Doch schon im nächsten Augenblick standen wir vor ihrer Zimmertür und eine Krankenschwester öffnete sie uns.

Ich begann zu schwitzen und wollte vor Angst im Boden versinken. Und da lag sie. Wir umarmten sie wie gewohnt. Ich war froh, dass ich sie umarmen konnte, aber es fühlte sich anders an als sonst. Andi war so dünn und zerbrechlich. Sie zeigte uns ohne Scham ihre Arm- und Beinstümpfe. Ihre halben Arme und Beine waren einfach weg! Ich konnte es nicht fassen! Wir redeten viel und sie sprach auch darüber, wie es war, als sie tot war. Für mich war das fürchterlich und grauenhaft. Noch nie in meinem ganzen Leben fühlte ich mich so elend. Es gab einige Momente, in denen wir gemeinsam geweint hatten. Die Zeit verging viel zu schnell und schließlich mussten wir uns voneinander verabschieden. Mir fiel das unglaublich schwer. Ich wollte am liebsten bei ihr bleiben, sie nicht allein lassen und unterstützen.

Auf dem Weg zum Auto war ich noch immer zutiefst traurig und mitgenommen, denn Andi muss den Rest ihres Lebens Prothesen tragen. Mich hat berührt, wie Andi mit dieser Situation umgegangen ist und auch immer noch umgeht. Mittlerweile ist Charlotte vier Jahre alt. Ihre Mama sieht anders aus als alle anderen, aber ihr ist das egal, denn sie ist überglücklich überhaupt eine Mama zu haben.

Für mich hat es noch nie eine Rolle gespielt, wie andere Menschen aussehen. Jede/r hat seine eigene Geschichte. Ich habe gelernt, dass ich mit allen schwierigen Dingen im Leben umgehen muss. Ich habe es selbst in der Hand, wie ich Situationen annehme und was ich daraus mache…

Damals war ich 9.

Heute bin ich 13.

© Lorena Bucher 02.04.2020