10 Tage

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10 Tage | story.one

In jungen Jahren hatte ich das Glück, an Exerzitien teilnehmen zu können. Sie dauerten jeweils 10 volle Tage. Zurückgezogen in ein Kloster, war ich überrascht von der Kraft dieser Tage und Nächte. Keine Minute des Lebens musste ich mit der Organisation der Nahrungsbeschaffung vergeuden, dafür war gesorgt. Auch hat niemand darauf Wert gelegt, dass man jeden Tag neu gestylt war. Die Art der Kleidung spielte nur eine winzige Nebenrolle. Handys gab es noch nicht und wenn, dann wären sie weggesperrt worden.

Den ganzen Tag haben die Teilnehmer geschwiegen, mit niemandem gesprochen, weder beim Frühstück noch beim Mittagessen. Nur nach dem Abendessen unterhielt man sich für eine halbe Stunde lang miteinander. Es gab Vorträge zum Nachdenken, besinnliche, informative, unterhaltende.

Ich genoss aber besonders die Einsamkeit bestimmter Plätze, wie Bankerl im Garten oder Sessel unter mächtigen, alten Bäumen und ganz besonders einen engen Raum hoch oben drinnen im Kirchenturm. Natürlich habe ich auch viel gelesen, mich durch Bücher in andere Welten und andere Leben entführen lassen. Aber auch das Spazierengehen oder einfach nur Dasitzen hat seinen besonderen Wert. Nichts denken, nur schauen und Eindrücke aufsaugen: ein perfektes "dolce far niente". Bewusst dem Flug der Vögel mit den Augen folgen und die formenreichen Wolkenformationen bewundern, ihren ständigen Wandel. Dabei die Fantasie spielen lassen und Gesichter, Gestalten, Tiere, Berge und vieles andere darin sehen.

10 Tage voll äußerer Ruhe! Der "innere Lärm", mit dem Schätze in Geist und Seele eingelagert wurden, störte nicht, denn er war unhörbar. Diese 10 Tage Exerzitien sind wie ein Winterschlaf, den manche Tiere halten, sie liefern die Energie für neue Herausforderungen der Zukunft.

Das merkte man am Ende dieser Tage als die Teilnehmer förmich "explodierten". Kaum sonst wo wird soviel und gern geredet und gelacht wie nach diesen 10 Tagen beim grossen gemeinsamen Abschiedsessen.

© Lorenz Graf 24.11.2019