Das schlaue Schummeln

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Das schlaue Schummeln | story.one

Unser Lateinprofessor, ein gebürtiger Ungar, war ein hochgebildeter, intelligenter, liebenswerter Chaot. Er war unser Klassenvorstand und immer für uns da. Unvergesslich werden die Wandertage mit ihm bleiben. Wir lernten durch ihn schöne Landschaften, gastfreundliche Menschen und so manchen Weinkeller kennen. Er kochte auch im Freien für uns ungarisches "Gujasch" im Kessel und er war ein hervorragender Lehrer für Musik und Latein, nur eines erlernte er nicht: Autofahren. Deshalb fuhr er meist mit dem "birota automataria", einem Motorroller. Aber auch das ging nicht immer gut. Eines Tages kam er in den Unterricht, Kopf und Arme bandagiert. Er meinte nur:"Was sollte ich machen, da waren Bäume rechts und Bäume links neben der Strasse. Da habe ich einen erwischt." Man sagte ihm nach, dass er mehr Schutzengel habe als Haare auf dem Kopf und er hatte sehr dichtes Haar.

Es war im Frühling, die Natur blühte auf, die Schmetterlinge flogen und wir flatterten auch, aber aus Angst vor der Lateinschularbeit. Da tauchte die Idee auf, wie wir die Schularbeit ohne große Anstrengung meistern könnten. Es wurden ja zu dieser Zeit die Arbeitstexte noch auf ganz dünnem Papier, zwischen dem sogenanntes Durchschlagpapier eingelegt war, geschrieben. So konnten mehrere Durchschriften mit der Schreibmaschine gemacht werden. Zuvor musste noch das Farbband weggeschaltet werden, damit die metallenen Buchstaben eine bessere Durchschlagskraft haben. Andere Vervielfältigungsmöglichkeiten gab es nicht. Unser Professor, so vermuteten und hofften wir, warf sicher das Durchschlagpapier achtlos in den Papierkorb. Würden wir dieses finden, hätten wir auch die Aufgaben zur Schularbeit.

Wir schritten zur Tat. Einige von uns baten den Professor in den Schulhof zum Schlagballspielen. Er war ein Meister darin und spielte es auch sehr gerne. Groß war die Freude, als er zusagte. Während er mit dem Spiel beschäftigt war, schlichen zwei Mitschüler in sein Zimmer, ein Absperren war damals nicht üblich, und durchstöberten den Papierkorb. Mit Erfolg. Das Durchschlagpapier wurde tatsächlich gefunden und wir konnten uns gezielt vorbereiten.

Entspannt und aufgeregt saßen wir am Tag der Schularbeit im Klassenzimmer und konnten es kaum erwarten mit der Arbeit zu beginnen. Die Texte wurden ausgeteilt. Einem nach dem anderen fiel das Kinn herunter. Es war ein ganz anderer Text, noch dazu länger und schwieriger. Während sich allgemeine Betroffenheit und Ratlosigkeit ausbreitete, meinte unser Professor:"Ich habe in der Nacht eine neue Arbeit zusammengestellt." Dann fügte er hinzu:"Ihr konntet ja nicht wissen, dass auf dem Kasten noch zufällig mein Tonband gelaufen ist und das hat noch einiges aufgezeichnet, besonders den Freudenschrei über das gefundene Durchschlagpapier."

Es wurde nicht die glänzendste Schularbeit unseres Schülerdaseins. Aber es ist unserem Professor doch noch gelungen, uns die lateinische Sprache beizubringen.

© Lorenz Graf