Der Zauber des Edelsteinwassers

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Wir lebten in einer schönen Kleinstadt in Oberösterreich. Eines Tages veranstaltete die Stadtgemeinde einen "Tag des Wassers". Der Bürgermeister bat mich, auch einen Beitrag zu leisten. Damals war es gerade modern geworden, Wasser zum Trinken mit Steinen zu "veredeln". Da ich Kenntnisse in Mineralogie und Petrographie hatte und auch eine grosse Steinesammlung, sollte ich mir was einfallen lassen. Ich habe lange recherchiert. Dann habe ich viele verschiedene helle, dunkle, schöne, weniger schöne Edel- und Halbedelsteine in die Sonne gelegt, um sie mit Energie aufzuladen, damit sie dann ihre Kraft und ihre Zauberwirkung an das Wasser abgeben können.

Am besagten "Tag des Wassers" stand ich am Hauptplatz neben vielen anderen Informationsstandln und konnte Wasser für und gegen alles anbieten, natürlich gratis, damit der Zauber durch den schnöden Mammon nicht zerstört wird. Ich hatte viele Flaschen und auf jeder gab ein Etikette Auskunft wofür es gut ist: Wasser für die Gesundheit, Wasser gegen Krankheiten, Wasser für die Potenz, Wasser für die Liebe, Wasser für Glück, Wasser für Reichtum usw.

Die Besucher konnten auch an einem Glücksspiel teilnehmen. Dazu mussten sie nur auf eine Karte ihren Namen und die Adresse schreiben und diese in eine Glücksbox werfen. Als Hauptpreis wurde ein Jahresverbrauch an Trinkwasser verlost. Da die Kanalgebühr an den Wasserverbrauch gekoppelt war, ergab das einen stolzen Preis.

Eine alte Frau beklagte sich bei mir, wie teuer heuer wieder die Wasserrechnung ausgefallen sei und sie wünsche sich, den Preis zu gewinnen. Ich servierte ihr ein "Glückswasser". Sie trank zuerst allein und dann mit mir zusammen ein Glas nach dem anderen, damit sie einmal im Leben Glück haben soll, denn bisher hat sie noch nie bei einer Verlosung gewonnen. Das Wasser war zwar gut, aber mir ging es immer schlechter. Ich pries hier einem Menschen was an, woran ich selbst nicht glaubte und von dem ich überhaupt nichts hielt. Diese ganzen energiegeladenen Wasser waren in meinen Augen Scharlatanerie und Betrug.

Pünktlich zur festgesetzten Stunde erfolgte unter notarieller Aufsicht die Ziehung des Gewinns. Natürlich gewann die alte Frau nicht und sie beklagte sich bei mir und meinen Glückswassern.

Da wurde ich zur Seite gerufen. Ein Freund von mir und beliebter Bauer erklärte mir, dass er den Hauptpreis gewonnen habe.. "Aber" so fuhr er fort "ich habe ja einen eigenen Brunnen und bin gar nicht an das Wassernetz angeschlossen. Somit ist der Preis für mich wertlos. Ich möchte aber, dass er nicht verfällt". Nach einer Krisenbesprechung mit dem Bürgermeister, Stadträten und dem Notar wurde eine neue Ziehung beshlossen. Ein neuer Sieger wurde gezogen.

Erraten: es war die alte Frau.

Längere Zeit ertappte ich mich oft, wie ich heimlich einen Schluck aus einem "Edelsteinwasser" trank. Welches Wasser und wofür es gut war, verrate ich nicht!

© Lorenz Graf