Ein gefahrener Wandertag

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Ein gefahrener Wandertag | story.one

Mitte der 1970er Jahre war ich noch ein unerfahrener Junglehrer. Im ersten Jahr meines Dienstantritts wurde ich als Klassenvorstand bestellt, ohne genau zu wissen, was alles dessen Aufgabe war. Der Direktor persönlich geleitete mich damals zum Klassenzimmer, aber er ging nicht mit hinein. Als ich den Raum betrat, erhob sich eine Schar Mädchen. Wie ich bald erfuhr waren es 36 junge Frauen, 17 bzw. 18 Jahre alt. Erfreulicherweise kamen wir in der ersten Zeit ganz gut zu recht, obwohl ich damals noch etwas Wiener Dialekt sprach, was nicht besonders gut ankam.

Kaum zwei Wochen nach Schulbeginn sollte der Herbstwandertag abgehalten werden, ein Ganztagswandertag. Den 36 Frauen auf Dauer zu widersprechen, war mir zu mühsam. So ließ ich mich dazu überreden - hätte ich eine andere Chance gehabt? - am Wandertag eine Radtour zu unternehmen.

Mein Vorschlag wurde vom Direktor mit wenig Begeisterung aufgenommen. Zum Direktor möchte ich hier anmerken, dass ich in meinem Leben kaum mehr einen so ausgeglichenen, ruhigen und menschenfreundlichen und sympathischen Mann kennenlernen durfte. Radtouren mit Schülern gab es an der Schule bis zu diesem Tag noch nie. Nach längerem Gespräch gab der Direktor seine Zustimmung mit der "Auflage": "Es darf nichts passieren. Passen sie gut auf, Herr Kollege." Das Versprechen abzugeben war damals für mich Unerfahrenen keine zu große Überwindung.

Wir durften fahren. Ich habe mir für diesen Tag von einem Kollegen ein älteres Fahrrad ausgeborgt. Den Mädchen habe ich noch aufgetragen vorsichtig zu fahren und vor allem keinen "Unfall" zu bauen. Anfangs war es herrlich durch die schöne Landschaft des Mühlviertels zu radeln. Doch dann kamen Steigungen. Die Mädchen strampelten dahin als ob nichts wäre, während ich mich sehr, sehr plagen mußte. Endlich kam eine längere Abfahrt zum Elternhaus einer Schülerin, eine Schotterstrasse, schön bergab. Ich fuhr voraus, langsam erst, doch dann wurde das Rad mit mir immer schneller. Plötzlich war der Granituntergrund vor meinem Gesicht. Mein Vorderrad war eingeknickt und ich lag auf der Strasse. Und dann ging es Schlag auf Schlag, besser Fall auf Fall. Ein Mädchen nach dem anderen stürzten über mich. Ein "Unfallkuddelmuddel" war die Folge. Mein Rad war kaputt, viele Hosen, Blusen und Tshirts der Mädchen beschädigt, aber niemand enstlich verletzt.

Nach einer ausgezeichneten "Beruhigungsjause" bei den Eltern einer Schülerin, brachte uns ein Traktor, auf dessen Anhänger wir alle Platz fanden mit unseren Rädern, zurück zur Schule.

Mit meinem Versicherungagenten gelang es mir, die beschädigte Bekleidung der Schülerinnen zur Gänze zu ersetzen. Von unserem Unfall hat niemand was erfahren, vor allem nicht der Direktor. Der Kollege, dessen Farrad ich ruiniert hatte, hat auch geschwiegen.

Die vielen Wandertage der folgenden Jahrzehnte waren für mich seitdem immer nur Wanderungen zu Fuß.

© Lorenz Graf 21.09.2019