Glückliche Bettler

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Glückliche Bettler | story.one

Seit Stunden gingen wir im Kreis, zwei Mädchen aus der Küche und ich, in einem grosser runden Behälter im Keller. Von oben regnete es maschinell geschnittene Krautschnitzel auf uns herab. Wir streuten Salz und Kümmel darüber und gingen mit nackten Füssen herum, damit das Kraut fest zusammengestampft wird. Das scheint eine lustige Arbeit zu sein, aber wenn es auch nicht so aussieht, ist es doch antrengend. Im Krautkeller sammelten wir auf diese Weise für die Heimbewohner genügend Vitamin C für den Winter.

In den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es noch viele Gebiete in Österreich, in denen die Ausbildung der Kinder noch mit erheblichen finanziellen Kosten verbunden waren. Die Mobilität, sowohl die öffentliche als auch die private, war schlecht und so blieb als Ausweg meist nur das Internat oder Heim.

Um diese Kosten zu senken haben wir damals in der Heimleitung versucht, möglichst viele, gute und dennoch billige Lebensmittel zu bekommen. Eines davon war das Kraut. Das Gemüse war eine Spende von Bauern, verarbeiten mussten wir es aber selbst.

Im November war im Norden Östereichs Kartoffelernte. Wochen vorher fuhr eine Delegation von uns in diese Region zu Bauern, um einige Säcke Kartoffel zu erbetteln. Die Bauern waren freundlich und hilfsbereit und fast alle haben zugesagt, uns Kartoffel zu schenken. Jetzt lag es an uns, diese einzusammeln.

Mit einem alten Lastauto fuhren wir los. Während der Fahrt saßen wir zu zweit hinten auf der Ladefläche, dick in Decken eingehüllt wegen der eisigen Kälte des Fahrwindes. Kamen wir zu einem Bauernhaus sprangen wir runter und hoben die bereitgestellten Kartoffelsäcke auf den LKW. Dann ging es weiter zum nächsten Haus. Den ganzen Tag waren wir unterwegs. Die Kälte tat uns weh. Doch der wachsende Berg von vollen Kartoffelsäcken erwärmte unser Herz und liess uns die harte Arbeit leichter ertragen. Aber noch mehr erfreuten uns die Pausen in bestimmten Häusern, wo wir von der Bäuerin eingeladen waren zu Jause, Most und heissem Tee und auch Obstler oder Korn.

Wenn wir dann abends heimkamen merkten wir erst die Strapazen des Tages, das viele Schleppen und Heben der schweren Säcke, das ständige Auf- und Abspringen, die Kälte, den Wind,das Rütteln auf der Ladefläche. Doch als wir dann den Berg Kartoffel im Keller sahen, machte sich eine freudige Zufriedenheit breit und wir waren die glücklichsten Bettler.. Wir hatten es dieses Jahr wieder geschafft, für viele Jugendliche die Kosten des Heimlebens zu senken.

Die Hilfsbereitschaft, besonders aus dem Mühlviertel, und unsere helfende Bettlerei ergaben zusammen ein Paar, das uns grosse Befriedigung und Glück schenkte.

© Lorenz Graf 04.11.2019