Ohne Handy überlebt

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Ohne Handy überlebt | story.one

Heute wird mit verschiedenen Maßnahmen versucht, den Kindern lernen, wenigstens zeitweise ohne Handy auszukommen. Mir fällt das nicht schwer. Ich leiste mir sogar den Luxus, ohne Handy zu sein. Allerdings geht das nur, weil ich ein intelligentes "Bio-Handy" habe: meine liebe Frau. Sie erledigt alles Wichtige selbstständig, ganz ohne mein Zutun.

Nicht einmal unsere erwachsenen Kinder und schon gar nicht die Enkelkinder können sich eine Zeit ohne Handy vorstellen. Wir haben doch auch die handylosen Zeiten überlebt!

Dabei war selbst das einfache Telefonieren eine seltene Angelegenheit. Außer es wurde in der Stadt eine öffentliche Telefonzelle entdeckt, von der aus man wegen eines Defektes um 1 Schilling endlos lange telefonieren konnte. Solche Informationen wurden sehr streng gehütet. Ein anderer Geheimtipp waren Telefonzellen, für die man nur eine Stecknadel benötigte. Die damaligen öffentlichen Telefonautomaten hatten ein kleines Sichtfenster aus Kunststoff. Da sah man drinnen einen Zeiger wandern. So wußte man, wie lange man noch sprechen konnte. Findige Techniker haben in dieses Plastikfensterchen ein winziges Loch gebohrt, das kaum zu bemerken war. Wenn man nun wußte, wo es war, konnte man eine Stecknadel einführen und damit den Zeiger stoppen. Das ermöglichte ein Telefonieren ohne Limit. Eine andere Möglichkeit, um gratis zu telefonieren tat sich in Büros und Sekretariaten in der Mittagspause auf. Dort wurde zwar die Wählscheibe durch ein kleines Vorhangschloß gesichert. Aber duch schnelles Schlagen auf die Hörerhalterung konnte man dennoch wählen. Ziffer 1 hieß einmal schlagen, bei Ziffer 2 zweimal usw. Schwierig war die Ziffer 0, denn das erforderte zehnmal sehr rasches und konzentriertes Schlagen. Man braucht kein Telefon, man muss sich nur zu helfen wissen!

Wir mussten halt zu dieser Zeit für ein Rendezvous genau den Tag, die Uhrzeit und den Ort oft Tage vorher fixieren. Beliebte Orte waren zum Beispiel die Opernpassage, die Unterführung beim Schottentor (das sogenannte Jonas-Reindl), der Theseustempel im Volksgarten oder auch das Kino im Audi Max der Universität.

Es muss doch ganz gut geklappt haben. Wir sind nicht ausgestorben. Wir haben auch Partnerinnen gefunden und Kinder gezeugt.

© Lorenz Graf 07.03.2020