Schwester Engelharda

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Schwester Engelharda | story.one

In der 4. Klasse Volksschule sollten wir als Hausaufgabe vom Grundstück daheim einen Lageplan mit den darauf befindlichen Gebäuden zeichnen. Dazu sollte alles vermessen und die Daten in den Plan eingetragen werden. So habe ich die Aufgabe damals verstanden. Mit Eifer ging ich ans Werk. Ich vermaß den Hof, zeichnete den Grundriss vom Haus und vom freistehenden Hühner- und Gänsestall ein. Sogar die Lage des Brunnens im Hof habe ich festgehalten. Stolz zeigte ich mein Werk der Mutter. Die war nicht begeistert. Sie hat die Aufgaben anderer Mitschüler gesehen. Die haben alle schöne Häuser gezeichnet, sogar mit Buntstiften. Ich sollte das auch noch machen.

"Aber der Lehrer hat gesagt..."erwiderte ich trotzig, als schon die handgreiflichen Erziehungsmethoden mich trafen. Aber ich blieb stur, trotz der Drohung, dass auch der Lehrer mich morgen strafen werde.

Am nächsten Tag wurden die Aufgaben kontrolliert. Ich hatte als einziger kein Haus gezeichnet, sondern nur einen "Strichplan mit Zahlen" vorzuweisen. Der Lehrer hob meine Aufgabe hoch und zeigte sie allen her. "So sollte das Ergebnis aussehen" rief er und dann an mich gewandt: "Wer hat dir das gezeichnet?" "Ich" sagte ich wahrheitsgetreu. Seine Hand brannte in meinem Gesicht. Er fragte nochmal:"Wer hat dir das gezeichnet?" Auf meine Antwort bekam ich wieder Schläge.

Im Ort gab es ein kleines Kloster mit einigen Nonnen, die den Kindergarten und die Mädchenvolksschule betreuten. Die Schule war ja streng nach Geschlechtern getrennt. Die Oberin war die Schwester Engelharda. Sie kannte mich lange als Ministrant und meinte, ich soll in eine höhere Schule gehen. Die Lateintexte habe ich immer schnell erlernt.

Der Lehrer war dagegen, denn meine Leistungen seien schlecht geworden. Erst viel später - in Erinnerung an die Aufgabe damals - wurde mir bewusst, warum ich schulisch so abgefallen war. Doch Schwester Engelharda gab nicht nach, kontaktierte oft meine Eltern. Die hatten grosse Bedenken wegen der Finanzen. Mein Vater war ja nur Hilfarbeiter. Die Schwester wandte sich an den Pfarrer. Er hiess Mittel. Sie überzeugte ihn und so besuchte er meine Eltern. Ich habe den "legendären" Satz bis heute nicht vergessen:

"Ich bin der Mittel ohne Titel, ich habe aber Mittel. Ihr seid die Grafen mit Titel, aber ohne Mittel."

Und dann: "Am Geld soll der Bub nicht scheitern." Wieviel und ob er je mit Geld geholfen hat, habe ich nie erfahren.

Jedenfalls habe ich es dem Weitblick und der Hartnäckigkeit der Schwester Engelharda zu verdanken, dass ich eine höhere Schule besuchen konnte. Sie hat an mich geglaubt. Wir waren nur zwei im Dorf, ein Bauernkind und ich das Arbeiterkind, die dieses Privileg genossen. Während später der eine Theologie studierte, widmete ich mich den Naturwissenschaften.

Schwester Engelharda hat mein Leben in Bahnen gelenkt, von denen ich heute sagen kann, dass es kaum besser hätte laufen können.

Danke!

© Lorenz Graf 04.11.2019