Silvester

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Silvester | story.one

Viele Jahre konnte ich den Silvesterabend und den Beginn des neuen Jahres besinnlich, lustig und ausgelassen feiern. In früheren Jahren durften oder mussten wir andächtig den Ausführungen in der Kirche lauschen, wieviele Geburten, Hochzeiten aber auch Todesfälle es gegeben hat. Alles wurde namentlich wieder in Erinnerung gerufen. Der weitere Rückblick auf besondere Ereignisse des vergangenen Jahres war unterhaltsam und rief so mansches zustimmende Kopfnicken hervor.

Der Jahreswechsel wurde dann im Kreis der Familie oder mit Freunden privat oder auch in einem Gasthaus erwartet. Bei gemeinsamen Essen und Trinken genoss man die Zeit bis Mitternacht.

Dann war es soweit: Die Lichter wurden abgedreht, alle erhoben sich und ihr Glas. Es wurde angestossen, jedem Anwesenden Glückwünsche und anderes Positives zugeflüstert und viel geküsst. Dann tanzte man zum "Donauwalzer" um sich nachher, vielleicht etwas ausser Atem, wieder gemütlich zusammenzusetzen.

Irgendwann wendete sich das Blatt der Jahreswende - Feiern. Den ganzen Tag kracht es an allen Ecken und Enden. Dazwischen herrscht kurz Grabesruhe, da ja alle Vögel geflüchtet sind. Feuerwerkskörper blitzen und donnern, begleitet von lautem Gejohle, während man mitleidet mit den vor Angst und Panik zitternden Hunden.

Unmittelbar vor Mitternacht zählen Menschen dann laut schreiend, so wie Erstklassler von der Lehrerin dirigiert lauthals kundtun, dass sie zählen können, von zehn bis null herunter. Alles inszeniert und angestiftet vom öffentlichen Rundfunk und überdrehten, fantasielosen Moderatoren.

Es folgt, was ich als Rückfall in die Steinzeit empfinde: (Die Neanderthaler mögen mir das verzeihen.) Die Leute stürmen hinaus in die Kälte, zücken ihre Handys und blitzen gegen die explodierenden Raketen um die Wette. Sie nehmen ihre Artgenossen neben ihnen kaum mehr wahr. Und das Schlimmste ist, sie haben ihre Fähigkeit der Sprache verloren. Nur mehr Urlaute, wie sie unsere Vorfahren vor Millionen Jahren vielleicht kannten, verlassen ihre Kehlen: Uuuuuhhh, aaaaahhh, waauu....

Einziger Trost: Silvester ist nur einmal im Jahr und vielleicht macht ein mutiger Politiker und die Sorge um das Klima dem krachenden, stinkenden, stumpfsinnigen Lärm ein Ende.

© Lorenz Graf 24.11.2019