Weinender Weinbauer

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Weinender Weinbauer | story.one

Es war eine Exkursion mit zwei vierten Klassen der Handelsakademie, die Schüler über 18 Jahre alt. Seit Jahren war ich spezialisiert auf Betriebsbesuche und Exkursionen und ich kannte viele Betriebe in ganz Österreich persönlich. Für die beiden Klassen hatte ich einen Mix aus Betrieb und Naturwissenschaft zusammengestellt.

Zuerst wanderten wir im Waldviertel, um ein Gefühl für das Land mit seinem 300 Millionen Jahre alten Granituntergrund zu bekommen. Zur erlebnisreichen Vertiefung haben wir an einer bekannten Stelle um Eggenburg nach Fossilien geschürft und später dann in Maissau nach Amethysten gegraben. Unterwegs kannte ich noch eine Fundstelle mit wunderschönen Alabasterkristallen. Wir besuchten auch das Krahuletz-Museum. Als krönenden Abschluss eines "arbeitsreichen" Tages habe ich im Weinviertel einen Weinkellerbesuch vorgesehen. Ich kannte den Weinbauern schon länger und war öfter bei ihm zu Gast. Er hatte in der Kellergasse einen sehr einladenden Weinkeller, der tief in das Erdreich gegraben war. Er war immer stolz auf seine Weine und hat das auch gerne anderen mitgeteilt.

Der Besuch wurde genau geplant: Seine Frau würde ihr berühmtes "Bratl" kredenzen und er würde dann seine Weine vorstellen, mit Verkostung. Für die Übernachtung gab es in der Nähe eine Jugendherberge.

Das naturwissenschaftliche Interesse war sehr unterschiedlich. Während einige gar nichts damit anfangen konnten, waren andere vollauf begeistert, hämmerten, meiselten und gruben nach Schätzen vergangener Zeiten. Wieder andere träumten schon vom Weinkeller. Schon während der Busfahrt habe ich an die jungen Menschen eindringlich appeliert: "Der Bauer liebt seine Weine mehr als alles andere! Er wird ins Schwärmen kommen. Hört ihm bitte gut zu, akzeptiert seine Leidenschaft. Dafür dürft ihr dann auch seine Weine genießen."

Das Essen war hervorragend, die Präsentation der Weine hochprofessionell.. Klar zeigten einige am Weintrinken mehr Interesse. Als ich bemerkte, dass die Lust mehr zu trinken immer mehr zunahm und die Linie, wo Trinken in Saufen überzugehen droht, sich abzuzeichnen begann, griff ich zu meinem alten Trick als ehemaliger Hüttenwirt: Singen und Tanzen. Mein Motto damals: "Wer singt und tanzt, bekommt keinen Rausch." Kaum hatte ich mit meiner Frau - ich nahm sie immer gerne mit bei solchen heiklen Unternehmungen - einen ersten Tanz gewagt, ergriffen die Mädchen die Initiative und der Weinkeller erlebte eine Prämiere: Junge Mensche, die nicht den Wein in sich hineinschütten, sondern engumschlungen auch andere Freuden genießen. Später, viel später standen wir im Kreis und sangen Lieder. Ich wußte, dass der Winzer gern sang.

War es Schweiss oder Tränen, die ich bei ihm bemerkte? Es waren Tränen.

Als wir am nächsten Tag in den Bus stiegen, war der Bauer mit einem kleinen Traktor vorgefahren. Er drückte jedem Schüler eine flasche Wein in die Hand, weil: "Das war die schönste Weinverkostung meines Lebens."

© Lorenz Graf 22.09.2019