Die Knopfschachtel

Die könnte mal was wert werden, sagte die Mutter jedesmal wenn ich die alte Münze zwischen all den Knöpfen hervorgrub. Die «Knopfschachtel», eigentlich eine Metallbox mit einem verblassten Rosenmuster, stammte aus dem Haushalt meiner Groβmutter, die diese wiederum von ihrer Mutter geerbt hatte. Sie enthielt Knöpfe von abgelegten Kleidungsstücken, die die Frauen über Generationen aufbewahrt hatten, immer mit dem Gedanken, dass sie doch noch einmal zu nutze kommen könnten. Für mich als Kind – ich war vielleicht sechs, sieben Jahre alt - hatte die Knopfschachtel eine geradezu magische Anziehungskraft. Immer wieder bat ich die Mutter, mit den Knöpfen spielen zu dürfen. Ich sehe es heute noch vor mir wie ich mich über die Schachtel beuge, sehe wie meine Hände darin eintauchen, wie meine Finger tiefer und tiefer graben und wie ein Fischernetz immer neue Schätze aus ihrem Grund hervorholen. Knöpfe in allerlei Farben, groβe und kleine, runde und eckige, rauhe und glatte, manche glänzend wie Silber und Perlmutt. Wenn ich sie über den Küchentisch streute, machte ich immer neue Muster damit, Wege der Phantasie, die jedesmal woanders hinführten und mich in eine Traumwelt versinken lieβen. Wie viele Muster die Schachtel doch enthielt! Als ich die Mutter einmal fragte, wie viele es wohl sein könnten, sagte sie, dass es so eine groβe Zahl gar nicht gäbe, da war mir klar: Die Knopfschachtel wár magisch!

Die Münze kam nur hin und wieder zum Vorschein. Sie war von einer dünnen, zähen Staubschicht bedeckt und fasste sich klebrig an. Sie war gelblich und klein, dicker als die Knöpfe und hatte eine Prägung mit dem Kopf eines Mannes, von dem die Mutter sagte, dass dieser einmal Kaiser in unserem Land gewesen wäre. Und dann kam immer der Nachsatz: Die könnte mal was wert werden.

Dass sie recht hatte, sollte sich zwanzig Jahre später bestätigen. Ich war neuausgebildet, ohne jede finanziellen Reserven und überzeugt davon, dass ich die Liebe meines Lebens getroffen hatte. Ich musste zu ihm. Ich hatte es versprochen und keinen Gedanken daran verschwendet, dass ich ja gar nicht die Mittel hatte, mir eine lange und teure Reise ins Ausland leisten zu können. Meine Mutter versuchte vergebens, mich zu überreden, dem Ganzen mehr Zeit zu geben und mir fürs Erste eine Stelle in Österreich zu suchen. Zuletzt war dennoch sie es, die auf die Idé mit der Knopfschachtel kam. Als ich die Münze nach so vielen Jahre wieder in der Hand hielt, sagte sie: Nimm sie und geh in die Bank damit. Ich bekam 2207 österreichische Schilling dafür. Die Zugreise in den Norden kostete genau zwei Schilling weniger.

Inzwischen sind Jahrzehnte vergangen. Die Münze, die ich vor 40 Jahren für 2207 Schilling einwechselte, vieviel würde sie heute wert sein? Für mich war sie von unschätzbarem Wert.

Irgendwann werde ich die Geschichte meinen Enkelkindern erzählen, wenn sie ihre Ipads weggelegt haben und sagen: Erzähl was von früher Oma, und wie du den Opa kennengelernt hast…

© Loretta