Hawai-Traum

Es war an dem Tag, nach dem sie mir das Foto mit dem Bagger geschickt hatte, dem Bagger und der aufgegrabenen Erde und den zersprengten Steinen, die um das Haus herum lagen. Der Umbau hatte begonnen. Drei Kinder brauchten nun mal Platz, und jedes sollte sein eigenes Zimmer haben.

Ich hörte den Wecker wie von fern und fühlte mich wie gerädert. Schwebte noch zwischen Traum und Wirklichkeit, noch immer dominiert von einem Gefühl der Verzweiflung. Das konnte doch nicht wahr sein! Ich sah sie vor mir, meine erwachsene, berufstätige Tochter, Mutter von drei Kindern, wie sie sich mit einem Arm am Türrahmen der Küche abstützte und mit geradezu provozierend breitem Lächeln verkündete: Wir ziehen nach Hawai! Wie bitte??? Hawaaai??? Weiter weg geht’s wohl nicht! Das kann doch nicht dein Ernst sein! dachte ich und spürte wie mir der Boden unter den Füβen verschwand. Sie habe sich schon genau erkundigt, sagte sie voller Begeisterung, das Leben sei viel lockerer dort. Die Entschlossenheit in ihrem Ton machte mir Angst. Wie viele Flugstunden waren es bis Hawai? Und was kostete eine Reise dort hin? Dann sehen wir uns ja gár nicht mehr, wollte ich sagen, brachte aber kein Wort hervor. Es dauerte einige Zeit bis ich ordentlich wach wurde und erleichtert aufatmen konnte. Dennoch: Der Traum ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

Beim Frühstück blätterte ich den Terminkalender durch. Die letzten Monate waren heftig gewesen. Als freischaffende Skribentin arbeite ich oft bis in die Nacht hinein, und dann waren da noch die Wochenend-Kurse, die ich betreute, und Verabredungen und Erledigungen aller Art. Ich blätterte zurück und stellte fest, dass ich meine Enkelkinder zuletzt am Geburtstag der Zwillinge gesehen hatte. Das war länger als zwei Monate her. Ich erinnerte mich, dass wir die fünf Kerzen auf der Torte zweimal anzünden mussten, damit sie jeder für sich ausblasen konnte. An dem Tag hörte ich auch Elli die ersten Worte sagen. Sie strich mir sanft über den Arm und sagte 'Arm'. Sie tupfte mir mit ihrem Zeigefinger auf die Nase und sagte 'Nase'. Ihre ersten Sätze hörte ich später auf einem Video, das meine Tochter mir aufs Handy geschickt hatte. Ich ging die Meldungen und Fotos der letzten Wochen noch einmal durch, und als ich mir Ellis erste Sätze auf dem Handy wieder anhörte, formten meine Lippen sich wie von selbst zu einem Lächeln, und ich hörte mich selber sagen: Sie ziehen nicht nach Hawai, ganz bestimmt nicht, und dann fiel mir das Bild vom Bagger und der aufgegrabenen Erde wieder ein. Ich nahm einen Rotstift aus meiner Tasche und zog einen dicken Ring um die Verabredungen, die nicht unbedingt sein mussten. Ich würde sie verschieben oder überhaupt absagen können. Das wäre immerhin ein Anfang. Inzwischen war es dämmrig geworden. Ich knipste die Schreibtischlampe an. Ein Blick auf die Uhr sagte mir: Wenn du dich gleich ins Auto setzt, triffst du sie noch alle an bevor sie schlafen gehen. Ich schickte ein sms an meine Tochter. Dann fur ich los.

© Loretta

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