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Heimaturlaub

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Heimaturlaub | story.one

Meine Eltern haben viel auf diesem Planeten gesehen. Sie unternahmen Reisen in die Toskana, nach Norddeutschland und auf eine griechische Insel. „Den großen Trip ans andere Ende der Welt“ fanden sie aber nie erstrebenswert.

Eine Gelassenheit, zu der ich mit meinen 20 Jahren erst noch finden musste. Denn ich wollte reisen. Und statt Europa zu erkunden, maß ich mich lieber mit meinen „weit gereisten“ Freunden. Um das Ganze noch zu toppen, fing ich mir bald auch noch eine Fernbeziehung an. Aber dazu in einer anderen Geschichte mehr. Denn es gab ein Problem: Ich hatte Flugangst.

Und die sollte mich bald einholen. Als ich eines feucht-fröhlichen Abends mit einer Kommilitonin beschloss, nach Kanada zu fliegen. Richtig gelesen: Kanada. Eines der wohl schönsten Länder überhaupt, das mich schon lange reizte – aber auch mit einem elendslangen Flug verbunden war. Das wurde mir am folgenden Tag schlagartig gewusst. Als sich besagte Kommilitonin in der Uni neben mich setzte, den Laptop öffnete und mehrere Flüge vorschlug.

Was soll ich sagen? Als Mitglied meiner Generation gibt es die Option „zuhause bleiben“ einfach nicht. Und so besiegte ich nach langem Hin und Her meinen Schweinehund. Die beste Entscheidung, die ich je treffen konnte. Zwei Jahre später saß ich mit derselben Freundin in einem weiteren Flieger nach Australien. Ich mag es immer noch nicht, wie laut sie sind, wie „machtlos“ man sich fühlt und wie sie wackeln. Aber ich weiß mittlerweile, wofür die Strapazen gut sind.

Jetzt haben wir Frühling. Jene Zeit, zu der die Suchmaschinen der Fluggesellschaften auf Hochtouren laufen. Die 60-Liter-Rucksäcke fürs Backpacking durch Thailand herausgekramt und die Camping-Utensilien für 5 Wochen an der Küste Portugals poliert werden. Normalerweise verspüre ich zu dieser Jahreszeit schon wieder diese Unruhe in mir. Wohin verschlägt es mich dieses Mal? Irgendwo muss man ja hin. „Weil es die anderen genauso machen“. „Weil man nur einmal jung ist“. Vielleicht liegt es an der momentanen Situation – dieses Jahr ist irgendetwas anders.

Je mehr ich über meine Geschichte nachdenke, hoffe ich, dass sie zwei Dinge schafft. Zum einen soll sie dich dazu ermutigen, die Reise, die du schon immer machen wolltest, aber aus irgendeinem Grund noch immer nicht gebucht hast, zu machen. So wie mein Vater, der nächstes Jahr zum ersten Mal in seinem Leben mit mir über „den großen Teich“ fliegt.

Versteh mich nicht falsch, lieber Geschichtenleser. Aus eigener Erfahrung weiß ich ganz genau, was das Reisen Positives mit dem Menschen macht. Dass es ein Privileg ist, reisen zu können. Doch wenn meine Gesichte auch noch etwas Zweites mit dir macht, dann hoffentlich das: dich zu ermutigen, auch einmal zuhause zu bleiben. Den guten alten Heimaturlaub für dich zu entdecken. Und all das Schöne, was vor deiner Haustür wartet. Nicht, weil alle anderen es so machen. Sondern weil es der ohnehin viel zu hektischen Seele mal guttun würde. Und der lieben Mutter Erde ebenso.

© LottaValdmeister 05.04.2020

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