Das Bernstein - Schiff

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Das Bernstein - Schiff | story.one

An der Hotel-Rezeption klingelte das Telefon. Ich hatte meinen Dienst gerade angetreten und hob ab. Ein Herr erkundigte sich, ob in der zweiten Februar-Woche noch ein Familienzimmer frei wäre. Nach dem telefonischen Angebot vereinbarten wir, dass ich ihm die Details per Mail senden würde. Er gab mir die Adresse. Interessant, dachte ich. Gäste aus Litauen, das war neu. Aus dem Land, von dem mein Vater mir erzählt hat, weil er im Krieg dort gewesen ist. Schon einen Tag später wollte der Gast die Buchung fixieren, ich schickte also die Reservierungs-Bestätigung ab.

Beim nächsten Gespräch wollte der Gast wissen, ob denn die „Weltcup-Strecke“ in der von ihm geplanten Ferienwoche auch von allen Schifahrern befahren werden durfte. Dann kam der nächste Anruf. Ich sollte für die Familie vorab einen Privat-Schilehrer für vier Tage buchen, was ja nichts Außergewöhnliches war. Beim nächsten Telefonat wollte der Herr dann wissen, wie weit es denn genau von der Stadt Salzburg bis zu uns war.

Ich bot ihm unser Hotel-Taxi an. Es war üblich, dass wir ein Taxi von und zum Flughafen zur Verfügung stellten. Aber – „No, no!“, erwiderte er, „we are coming by car!“ Ich stutzte. Von Litauen ins Salzburger Land zum Schi fahren, für eine Woche. Und das mit dem Auto! Ich übermittelte ihm also den Anreiseweg und dachte mir insgeheim: Na, ob die wohl wirklich kommen?

Dann war der Samstag da. Um 23 Uhr abends, als mein Dienst zu Ende war, wollte ich gerade in das Formular „no show“ eintragen (was soviel wie nicht angereist bedeutet) und das Zimmer offiziell wieder freigeben, als die Tür aufging. Vor mir stand die Familie aus Litauen. Offensichtlich total übermüdet, die beiden Kinder waren ganz blass im Gesicht und sagten keinen Ton. Das Auto der Gäste war ein ziemlich in die Jahre gekommener Kleinbus.

Ich begrüßte sie und druckte ihre Zimmerkarten aus. Der Mann sah mich an und fragte: „You are Lotte?“ Ich war so überrascht, dass ich nur mit „Yes“, antwortete. Er griff in die Reisetasche und zog ein kleines, liebevoll verpacktes Päckchen heraus. „for you“, sagte er in holprigem Englisch. „thank you so much for your help. Our dream ist to make a skiing- holiday in the village of Hermann Meier!“ Ich wusste im ersten Moment gar nicht, was ich sagen sollte. In dem Paket war ein kleines Schiff. Aus Bernstein. Ich habe mich so über dieses Geschenk gefreut. Über diese Wertschätzung meiner Arbeit, die nur aus dem selbstverständlichen Erledigen meiner damaligen Tätigkeit bestand.

Warum unsere Gäste per Kleinbus und nicht mit dem Flugzeug angereist sind, weiß ich bis heute nicht. Ich wollte sie nicht danach fragen. Vielleicht waren sie einfach Individualisten? Das Schiff aus Bernstein, es steht seit vielen Jahren in meiner Vitrine. Nach Litauen werde ich in diesem Leben wohl nicht mehr reisen, aber ein kleines Stück aus diesem Land habe ich geschenkt bekommen.

© Lotte Maria Kaml 22.05.2020