#einfotoundseinegeschichte

Gezoomt

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Gezoomt | story.one

Nervös ist er heute. Immer wieder springt er auf, meldet sich lautstark zu Wort und lässt mich nicht in Ruhe. Dabei möchte ich so gerne ein bisschen vor mich hinträumen, dösen in meinem bequemen Liegestuhl. Der heiße Sommertag geht langsam über in einen Abend, wie ich ihn liebe. Lau, ruhig, der Himmel ist klar und in meine Nase steigt der Duft von Erdbeeren und Rosen.

Jetzt ist mir nach einem Glas Weißwein, schön kühl und dazu könnte ich mir ein paar Käse-Häppchen gönnen, süße Weintrauben und ein Stück Baguette. Die Vögel zwitschern mir ein Abendlied, ich zünde das Teelicht in der Laterne an. Heute Abend bleibe ich draußen, mindestens bis um zehn. Mein Laptop wird zum Radio: „Azzurro…“ Kitschig, ja, aber immer wieder schön.

Er springt schon wieder auf, nervig. Stößt das Weinglas um, schimpft laut und starrt in die Luft. „Max, gib Ruh!“ Max ohne „i“, da weiß er genau, was los ist: Ich bin sauer. Aber heute scheint ihm das völlig egal zu sein. Seufzend erhebe ich mich, um den Rest des verschütteten, vorzüglichen Grünen Veltliners aufzuwischen und die Glasscherben zu beseitigen. Zur Vorsicht schalte ich das Licht auf der Loggia ein, nicht dass ich mich auch noch schneide! Da sehe ich es.

Deshalb ist mein Kater so nervös! Zwischen dem Katzengitter und dem japanischen Ahorn baumelt etwas. Ein Spinnen-Netz. Mitten drin sitzt die Spinne. Sie spinnt und spinnt. Ich sehe genauer hin. Das Netz ist riesig, mindestens fünfzig Zentimeter im Durchmesser. Warum ist es mir bis heute nicht aufgefallen? Ich habe kein Problem mit Spinnen, keine Phobie oder so was. Als Kinder saßen wir oft am Heuboden und schauten den Weberknechten zu, wie sie an der Wand zu uns herunterkrabbelten. Das war ganz normal.

Nur einmal, bei einer Ausstellung, hat mir so ein Typ ungefragt eine Vogelspinne auf die Schulter gesetzt. Da hat mein Deo wohl versagt, das Herz schlug mir bis zum Hals, ich brachte kein Wort heraus und sobald es mir möglich war, ergriff ich die Flucht.

Mein Maxi war heute nicht zu beruhigen, also bin ich ins Wohnzimmer übersiedelt. Um des lieben Friedens willen. Aber vorher habe ich ein Foto gemacht, mit Zoom. Als ich es in den PC eingespielt hatte, staunte ich. Die Spinne sieht so unscheinbar aus, wie sie in ihrem Netz sitzt. Aber jetzt – das Gesicht, diese Augen, mit denen sie mich ansieht – unglaublich!

Irgendwie hat sie etwas Unheimliches, wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Andererseits ist sie einfach wunderschön, ein Wunder der Natur. Ich spendiere meinem Katerchen noch ein Leckerli, dann erkläre ich ihm energisch: „Spiderman darf bleiben, ist das klar? Keine Attacken, der schmeckt dir sowieso nicht!“ Der klügste Kater von allen blinzelt mich an, dreht seinen Kopf zur Seite und gähnt gelangweilt. Das wäre dann geklärt. Für heute zumindest. Und ich trinke jetzt noch ein Gläschen Wein. Auf den Erfinder der „Zoom“- Funktion!

© Lotte Maria Kaml 07.07.2020

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