Love of my Live

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Love of my Live | story.one

Ich habe einen guten Freund aus Kindertagen. Peter verdient seine Brötchen als Pädagoge. Wir sehen uns selten, aber wenn wir uns sehen, dann ist das immer so als ob wir uns erst gestern getroffen hätten. Einfach schön. Ich war mehr als erstaunt, als er mir beim letzten Mal glückselig verkündete: "Ich hab´ sie gefunden! Die Liebe meines Lebens. So lange habe ich danach gesucht, endlich ist es soweit. Dafür lohnt es sich, zu verzichten. Auf den Urlaub in der Dom. Rep., auf die Golf-Runde mit Freunden, einfach auf alles!"

Gut, verstehe ich, war mein erster Gedanke. Wen Amor´s Pfeil trifft, der hat keine Wahl. Der Mensch mutiert vom selbständigen Wesen zum watteweichen, folgsamen Partner. Eine Zeit lang zumindest. Eine geschlagene Stunde lang hörte ich mir Peters Schwärmerei an. "Es ist einfach wunderbar. Diese Eleganz, diese Dominanz, und das in meiner bescheidenen Wohnung! Das ist mir schon einiges wert, dir kann ich es ja sagen. Aber den Bankkredit kann ich locker bezahlen, keine Sorge!"

Ich wurde stutzig. Ein Bankkredit? Was war denn das für eine anspruchsvolle Tussi, die er da aufgerissen hatte? Mein Freund war in seiner Euphorie nicht zu bremsen und ging nun auf das Aussehen seiner Liebsten über. Aber nach dem dritten Gläschen Prosecco schweiften meine Gedanken schon etwas ab und ich registrierte nur noch so nebenbei, dass die bevorzugten Farben bezüglich des Outfits der Dame sich einzig und allein auf schwarz und weiß beschränkten. Konsequent ist sie ja, dachte ich so bei mir selbst.

Schließlich fragte ich nach dem Namen der Angebeteten. "Carmen, so nenne ich jetzt meinen Liebling", war die etwas kryptische Antwort. "Hast du ein Foto?", fragte ich neugierig. "Ich schick´ dir eines", versprach mein Freund. Am Abend schaute ich neugierig auf mein Handy. Da war das Foto! Aber - was war das? Keine Frau war darauf zu sehen, keine Lady in schwarz-weiß, nichts war mit meinem Verdacht auf eine sündige Domina, die meinem Freund das Geld aus der Tasche zog.

Vor dem Couchtisch, auf dem ein übervoller Aschenbecher, zwei Bierdosen und eine Schüssel mit Chips standen, neben dem Weidenkorb in dem ein kugelrundes rotes Fellknäuel schlief stand sie auf dem fleckigen Teppich: Carmen! Ein Traum von einem Klavier, bestimmt ein halbes Vermögen wert. Ich holte erst einmal tief Luft, dann begann ich zu sinnieren:

Peters Leidenschaft ist die Musik. Nicht umsonst ist er Musik-Pädagoge. Warum assoziieren wir Liebe zwangsläufig mit Partnerschaft? Ich verstehe ihn. Auch ich habe eine "Liebe meines Lebens": Sie heißt "Schreiben". Glücklicherweise brauche ich aber keinen Bankkredit, um diese Liebe zu leben.

© Lotte Maria Kaml 18.04.2020