Gesterntage "2"

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Gesterntage  "2" | story.one

Gleich in der Früh, noch vor dem ersten Kaffee erreicht mich eine SMS von meinem wirklich lieben Ex Mann. Er würde das Kind, das unbedingt auch zu ihm wolle, für das Wochenende am Freitag um 13:00 MEZ abholen kommen.

Scherz? Nein. Leider kein Scherz.

Das Kind ist in einem Alter, wo es natürlich selbst bestimmen darf, aber derartige Situationen wie momentan, noch nicht richtig einordnen kann. In meiner Familie und meinem Freundeskreis tummeln sich Menschen, die schon etwas älter und mit unter auch stark gefährdet, sind.

Ich verstehe die Sehnsucht des Vaters, sein Kind endlich wieder sehen zu dürfen.

Ich verstehe die Sehnsucht der Großmutter, dem Kind das Lieblingsessen kochen zu dürfen.

Ich verstehe jede Sehnsucht. Ich habe/ fühle sie auch.

Natürlich möchte ich keine Spaß Verderberin sein und nur meine Meinung, als die einzig richtige, in den Vordergrund stellen. Deshalb erkundige ich mich bei Freunden, plaudere mit den Kindern (sind zwei, aber die große Tochter fährt kaum noch zum Papa und wenn, dann eher in seine Wohnung, wenn er nicht da ist) und lese zusätzlich einige Berichte darüber. Meine Entscheidung steht fest. Mein Mädchen akzeptiert sie murrend, hat Verständnis dafür, dass es vielleicht momentan nicht die beste Idee ist, zum Papa zu fahren.

Mein lieber Ex Mann akzeptiert es kommentarlos (ob er tatsächlich damit einverstanden ist bezweifle ich). Doch wundert es mich, dass er keinesfalls die Möglichkeit zur Videotelefonie oder ähnliches nützt, um mit seiner Tochter zu plaudern.

Ich fühle mich ein bisschen schuldig, mag einen Zwist in dieser Art nicht und doch weiß ich, dass ich für meine Meinungen und Ansichten einstehen kann. Mein Sicherheitsgefühl ist ein anderes als jenes des Vaters. Das ist absolut ok und möchte ich in keiner Weise in Frage stellen.

Meine Tochter entscheiden zu lassen finde ich momentan etwas unvorsichtig.

Keinesfalls ist es mir ein Anliegen irgendjemanden durch meine Worte zu verletzen. Ich bringe hier meine Gedanken zum Ausdruck. Vielleicht befindest du dich in einer ähnlichen Struktur, hast anderen Lösungsansätze, fühlst dich verstanden oder nicht mehr so alleine mit deinen Herausforderungen.

Dafür schreibe ich. Und, da ich durchs Schreiben wieder ganz anders auf meine eigene Geschichte, mein Leben schaue, als durchs Erzählen oder gar „nur“ darüber nachdenken.

© LouS 26.03.2020