Auf-MERK-samkeit

„Luisi, kannst du bitte einkaufen gehen? Wir brauchen … “ Oh je, wenn ich das schon hörte. Das hieß für mich als Neunjährige damals: Meinen heiß geliebten Band der „Hochreiter Kinder“ (meine damaligen Lieblingsbücher) zur Seite legen zu müssen und zu wissen, erst in frühestens zwei Stunden wieder in ihre Welt eintauchen zu können. Und anstrengend war es auch, von unserem Hügel den Weg zur nächsten Ortschaft einzuschlagen. Sie war einen guten Kilometer entfernt – eine schier endlos lange Strecke für kurze Kinderbeine. Neben einem Schuster und einem Hutmacher gab es dort einen Bäcker, eine Fleischerei, eine Molkerei und drei kleine Lebensmittelgeschäfte – alle geführt von den Inhaberfamilien selbst. Das Wort „Selbstbedienung“ existierte noch nicht.

Meine Mama gab mir meist keinen Zettel mit. Sie zählte mir die Sachen auf, die es zu besorgen galt. Und vertraute darauf, dass ihre Tochter, die sich in der Schule mit Lernen und Merken recht leicht tat, schon alles mitbringen würde. Doch – dem war meist nicht so. Und so kam es öfter vor, dass ich nach einem „Oh je, Luisi, du hast die Zündhölzer (Butter, Mehl, …) vergessen!“ den Weg gleich nochmals antreten musste ...

47 Jahre später zeigte ich in einer live TV-Sendung einem interessierten Publikum, wie sie sich ganz leicht eine Einkaufsliste an ihrem Körper ablegen können. Zehn Dinge – von Katzenfutter über Glühbirnen bis hin zu Zahnpasta – galt es sich in kürzester Zeit zu merken, oder besser: mit entsprechenden Körperteilen bildlich-absurd, so merk-würdig wie möglich zu verknüpfen.

Ich übernachtete anschließend in Wien und lief am nächsten Morgen der Hoteldirektorin über den Weg. „Sie habe ich gestern Abend im Fernsehen gesehen!“, rief sie aus. „Und – die Taschentücher, die stecken bei mir immer noch hier!“, und deutete lachend auf ihren wohlgeformten Busen.

Hätte ich damals als Neunjährige diese Techniken schon gekannt – wäre der mütterliche Einkaufskorb dann immer auftragsgemäß gefüllt gewesen? Ich denke nicht. Es war einfach viel wichtiger für mich mir vorzustellen, was die Hochreiter-Kinder wohl als nächstes erleben würden. Ich war mit meiner AufMERKsamkeit woanders. Genau so, wenn ich heute nicht mehr weiß, wo ich nun schon wieder mein Handy hingelegt habe. Und mich blöderweise auch nicht mit dem Festnetztelefon anrufen kann. Ich habe es auf lautlos gestellt, um in meiner Arbeit nicht gestört zu werden. Wenn diese Aufmerksamkeit fehlt, verliert auch eine Gedächtnisweltmeisterin viel Zeit beim Suchen.

© Luise Maria Sommer