Das Interview

Wir, meine Frau und ich, treffen einen Mann, der mit uns über Gerechtigkeit, Chancen, Zukunft und Status reden möchte. Der Mann ist Mitte 50, mittlerer Bildungsabschluss, seinem Alter entsprechend und relativ gut aussehend und auf dem ersten Blick sympathisch.

Der Mann geht mit uns in ein gutes Restaurant, welches wir vorgeschlagen haben. Das Gespräch nimmt schnell Fahrt auf, der Mann übernimmt sofort die Führung des Gesprächs und erklärt, dass seine "Mission" jetzt in dieser Stadt, eine reiche Kleinstadt im südlichen Teil Deutschlands, beendet sei. Meine Frau und ich, wir zeigen uns überrascht, aber neugierig.

Der Mann gibt uns bereitwillig Auskunft darüber, sich bald in einer anderen Stadt, in der er schon einmal länger gewohnt habe, eine Eigentumswohnung kaufen zu wollen. Er erzählt uns, dass er über mehrere Jahre seine Mutter gepflegt habe, und dass er seine Mutter nunmehr schnell in einer Pflegeeinrichtung unterbringen werde, nachdem sie nach einer Operation nicht mehr in ihre Wohnung zurück kehren könne. Er hätte jetzt alle Vollmachten. Seine Brüder müssten sich um nichts kümmern.

Wir zeigen uns weiter neugierig und unterbrechen seinen Redefluss nicht. Er erzählt uns, dass er von der üppigen Rente seiner Mutter Geld für sich persönlich einbehalten hätte, "ein paar Kröten". Auf unseren Hinweis, ob das Geld möglicherweise seiner Mutter gehören könnte, redet er mit uns über Status und Beamte, die viel Geld erhalten würden für wenig Arbeit. Sein Ton und seine Gesichtszüge werden bei meinem Hinweis auf Verantwortung, Eigenverantwortung, Leistungsbereitschaft, auch zur Weiterbildung, aggressiv. Auf meine Frage, ob seine Brüder denn Schuld an seiner damaligen Situation gewesen seien, wirkt er auf mich bedrohlich, obwohl ich am Tisch ihm gegenüber sitze und weit genug entfernt. Ich frage also nicht weiter nach. Der Mann entspannt sich schnell wieder und erklärt, ihm würden in seinen jungen Jahren alle Chancen genommen worden sein. Er erzählt uns von schwierigen Verhältnissen und Abschiebung in ein Erziehungsheim weit weg von seiner Heimatstadt. Auch "die Ausländer" bleiben nicht unerwähnt, die in der Bundesrepublik mehr bekommen würden als Deutsche, die jahrelang immer ihre Beiträge in die Rentenkasse bezahlt hätten und am Ende zu krank seien, um weiter hart zu arbeiten.

Nachdem wir wissen, dass der Mann nicht rechtsradikal ist, und er uns seine gefühlte Gerechtigkeit offenbart hat, haben wir genug gehört, betreiben noch ein bisschen Smalltalk und bestellen auf Nachfragen des Kellners keine neuen Getränke. Der Mann lädt uns ein, begleicht die Rechnung und wir verlassen gemeinsam das Lokal.

Wir wünschen dem Mann zum Abschied alles Gute, ein weiteres Mal treffen möchten wir uns mit diesen Mann aber nicht mehr. Meine Frau und ich, wir sind uns spontan einig, dass wir jetzt erstmal einen Absacker trinken gehen müssen. Zu unserem Glück treffen wir an diesem Abend noch zufällig ein paar Freunde.

© Lukas_Berlin