Ein ganzes Leben lang

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Ein ganzes Leben lang | story.one

Es ist Winteranfang. Ja, heute war Winteranfang, und wie bestellt fielen die ersten Schneeflocken. Wir saßen in der Küche bei schwachem Licht. Der Kaffee und die Lebkuchen heiterten uns auf. Manchmal sind die Zeiten schwer und es ist wichtig, etwas los zu lassen. Genau dann müssen wir uns gegenseitig halten!

Als ich fünf war und mein Bruder acht, spielten wir bis zum Einbruch der Dunkelheit auf der Promenade der Straße, in der wir wohnten. Meistens hatten wir nur Murmeln in der Tasche, manchmal auch Salamander oder Spinnen, und wir kamen auf jeden Fall schmutzig und zerzaust nach Hause. Nach dem Waschen in der Badewanne und dem Abendbrot beim Fernsehen gingen wir ins Bett. Beim Einschlafen halfen die immer wiederkehrenden Lichter der vorbei fahrenden Autos an der Decke unseres Zimmers, die Welt war ein großer Spielplatz und 1974 wurde Deutschland Fußballweltmeister.

Die Unbeschwertheit während der Zeit meiner ersten Ehe hätte ich gern ein Leben lang behalten. Aber wir wurden getäuscht, und wir haben alles verloren. Sie kam ein Tages wieder, aber anders als erwartet, und das Ende kam genauso anders als erwartet.

Mit Anfang dreißig lernte ich meine Frau kennen, die auch heute noch an meiner Seite ist. Bereits nach kurzer Zeit wurden wir Eltern. Meine Frau wurde eine hier und da gestresste Mutter. Bei der Geburt unseres Sohnes, sagte sie einmal, wäre sie lieber allein gewesen, da ich alles andere als eine Hilfe gewesen sei. Wir bauten gemeinsam ein Heim, in dem wir einige glückliche Jahre verbrachten. Leider gibt es keine Grundstücke für jedermann, die so groß sind, dass die Nachbarn ausreichend weit entfernt sind. Wir zogen daher irgendwann um in ein anderes Haus und danach wieder in ein anderes Haus. Man wird jedes Mal klüger. Heute ist unser Sohn bereits wieder aus der Schule raus. Es war eine schöne Zeit.

Warum wissen wir oft nicht mehr, wo wir "Zuhause" gewesen sind? Warum lassen wir uns im Leben täuschen und belügen? Warum finden wir keinen Ort der Ruhe und des Friedens? Warum wollen manche Menschen besser sein als andere oder sich unbedingt mit anderen messen? Wir wissen doch alle ganz genau, was gut ist, oder haben wir es vergessen?

Meine Frau und ich, wir sitzen oft zusammen in der Küche, schütteln die Köpfe und verstehen die Welt, können sie aber nicht retten. "Tja, was soll's?! Wir haben ja zum Glück uns", sagt meine Frau.

Sich selbst gut zu kennen, und zu wissen, was man will, diese zwei Dinge sind ein guter Anfang.

Eine gute Freundin sagte einmal zu mir: "Wenn du nicht weißt, was du mit deiner Zeit machen sollst: das Beste ist, zu schlafen." Das bedeutet anzuhalten. Ich denke, das stimmt: Ruhe haben und schlafen. Ruhe ist ein kostbares Gut. Wenn diese Bedürfnisse gestillt sind, haben wir die Kraft und Energie, die wir brauchen, um Menschen zu begegnen, Bekannte oder Freunde zu treffen, ab und an den Augenblick zu genießen und Glück oder Sorgen zu teilen. In diesen Augenblicken müsste man die Zeit anhalten können.

© Lukas_Berlin 01.12.2019