Fünf vor zwölf

Es gibt im Leben keine Zufälle. Natürlich, man kann darüber verschiedener Meinung sein. Für mich gibt es sie jedenfalls nicht.

Es war das Frühjahr 2015. Seit geraumer Zeit suchte ich nach einer jungen Frau. Diese junge Frau, so schätzte ich, müsste ungefähr Mitte zwanzig Jahre alt sein. Der Grund, warum ich nach ihr suchte, lag darin, dass ich viele alte Fotos von ihr besaß, die sie als kleines Kind zeigten. Sie war die Tochter einer Freundin meiner Jugendliebe, und wenn wir gemeinsam Zeit miteinander verbrachten, war meistens ich der Fotograf.

Schließlich fand ich in den sozialen Medien die von mir gesuchte junge Dame. Ich erkannte sofort, dass sie es sein musste. Ich schrieb ihr eine Nachricht und erklärte ihr, warum ich mich nach so vielen Jahren bei ihr melden würde. Wenn sie denn möge, könnte sie antworten, und ich würde mich sehr darüber freuen.

Zu meinem Bedauern bekam ich zunächst keine Antwort. Ich begann mir über die Bilder Gedanken zu machen, weil ich seit längerer Zeit erkrankt war, mit dieser Erkrankung in ständiger Unsicherheit lebte und mich in regelmäßigen Abständen Untersuchungen unterziehen musste. Ich hatte keine Idee, was ich mit diesen Bildern machen sollte. Umso mehr freute ich mich sodann, als sich die junge Dame dann doch meldete! Wir vereinbarten, dass wir uns in meinem Heimatort treffen würden. Ich freute mich sehr auf dieses Wiedersehen und meine Frau war damit einverstanden. Wir gingen an diesem Tag des Wiedersehens in einem guten Restaurant essen, erzählten ein wenig, ich zeigte ihr unsere schöne Stadt und schließlich das Haus, in dem ich mit meiner Frau seit vielen Jahren lebte. Sie freute sich sehr über die Bilder, und ich freute mich, wie gut sich das Kind entwickelt hatte und wie groß und schön sie geworden war.

Zu meiner Überraschung meldete sich im April 2015 meine damalige Jugendliebe ebenfalls bei mir! Wir schrieben uns viel und hatten uns nach so langer Zeit viel zu erzählen. "Wie geht es dir wirklich?", war eine ihrer Fragen gewesen. Ich erzählte ihr schließlich von meiner Krankheit.

Dann kam der Schock! Im Juni 2015 hatte ich ein Rezidiv: mein Darmkrebs meldete sich nach mehr als zwei Jahren, in denen ich gesund zu sein glaubte, zurück. Danach ging alles sehr schnell. Untersuchungen in der Universitätsklinik mit dem Ergebnis, dass sich meine Situation verschlechtert hatte, Vorstellung im Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen und schließlich Operationen im August 2015.

Bereits in der voraus gegangenen Zeit und während dieser ganzen Zeit hatte ich viele Ängste und war froh, dass sich Menschen bei mir zurück gemeldet hatten, die mir einen Teil dieser Ängste nehmen konnten. Wer eine solche Diagnose niemals hatte, kann sich glücklich schätzen. Ich war dankbar für die Unterstützung in dieser besonderen Ausnahmesituation. Für mich war es im Sommer 2015 fünf vor zwölf, mich endlich operieren zu lassen.

© Lukas_Berlin