Gute Reise!

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Gute Reise! | story.one

Es gibt Menschen, die können leicht und gut Abschied nehmen. Ich frage mich: "Woran liegt das?" Ich denke: "Es liegt daran, dass sie genau wissen, wohin sie fahren und wohin sie gehören."

Vor vielen Jahren war ich mit einer Freundin verabredet. Sie hatte sich etwas Zeit für mich genommen. Mein Zustand war nicht gut. Meinen Hausarzt danach gefragt, wie es mir geht, hatte er geantwortet: "Gemessen an der Schwere der zurück liegenden Behandlungen entsprechend gut." Mir ging es tatsächlich sehr schlecht. Mein Bruder würde vielleicht sagen, dass ich vielleicht ein bisschen empfindlich sei, oder manchmal ein wenig theatralisch. Ich glaube das natürlich auf keinen Fall. Meine Mutter hatte mir doch als Kind beigebracht: "Ein Indianer kennt keinen Schmerz!" Am Ende des Tages ließ mich die Freundin am Bahnsteig zurück. Sie fuhr wieder zurück nach Hause. Ich war mental am Boden zerstört und erstickte danach an meinen Tränen.

Das Leben geht weiter. Das denken viele Menschen. Bei mir ist das anders. Ich hatte eine Krebsdiagnose, operiert 08/15, jedes Jahr eine Kontrolluntersuchung. Vielen Menschen, denen ich begegne und davon erzähle, fällt spontan ein, wen sie gekannt hatten und der oder sie an Krebs verstorben ist. Für mich ist das natürlich wenig erbauend, aber ich habe immer dafür Verständnis.

So, denke ich, muss es auch meiner Freundin ergangen sein. Über eine Sache zu reden, die einen belastet hat, kann für die eigene Psyche sehr hilfreich sein und das eigene Trauma zu verarbeiten. Einem Freund geholfen zu haben und dabei vielleicht dessen Krebs "besiegt" zu haben: das ist bestimmt ein gutes Gefühl. Ich danke diesen Menschen von Herzen, dass sie bis an ihre Belastbarkeitsgrenze gegangen sind. Die besagte Freundin schrieb mir einmal: "Nicht basierend auf Fakten glaube ich, dass du gesund bist." Meine Angst bleibt dennoch.

Wenn Paare sich trennen, entsteht auch oft ein Vakuum, in das sie fallen. Ein klarer sauberer Schnitt: so würde es ein Chirurg machen. Meine Frau sagt manchmal dazu: "Regel der Chirurgen: schneide ab, was du nicht kennst." Je kleiner die Wunde, desto schneller die Heilung.

Wir mögen es aber lieber anders. Warum? Aus Dummheit? Aus Liebe? Aus Sentimentalität? Meine damalige Jugendliebe und ich zum Beispiel, wir schrieben uns über Jahre tausende Mails. Vielleicht lag das daran, dass sie mir damals die "Unendliche Geschichte" vorgelesen hatte. Ich weiß es nicht. Wir hatten uns gefühlt hunderte Male verabschiedet. Manche Menschen brauchen eben Zeit, um los zu lassen, oder sie brauchen danach einfach den Freund, der sie in der Langeweile des Alltages weiterhin begleitet. Ich möchte das nicht sein und nehme lieber Abschied: "Gute Reise!" "Verschwinde! Vergessen ist einfach", sagte dieselbe Freundin.

Das Leben ist ein Fluss. Keine einzige Situation wird jemals wiederkehren. Das ist gleichzeitig gut und schlecht. Schon oft habe ich Leute danach sagen hören: "Keine Ahnung was kommt. Das steht in den Sternen."

© Lukas_Berlin 11.06.2019