"Das Wunder ist wieder da!"

Ich erzähle hier die Geschichte von Frau U., da sie ein unglaublicher Mensch war und ich mich an ihre Stärke und ihr positives Denken gerne erinnere.

Frau U. war über 70 als sie starb. Sie hatte ein Leben voller Widrigkeiten bravourös gemeistert. Die Ärzte, die sie von Kindheit an kannten, nannten sie "das Wunder". Davon erzählte sie immer stolz! Und von der Geschichte, als ein Arzt sie vor einer OP bat, das Gebiss heraus zu nehmen. "Das kann ich nicht!" sagte sie mit fester Stimme. Der Arzt wurde etwas ungeduldig: "Sie haben die Zähne heute Morgen doch auch hinein getan, also nehmen sie die jetzt bitte wie gewohnt wieder heraus!" "Nein! Das kann ich nicht!", sagte sie wieder und der Arzt wurde böse. "Warum denn bitte nicht!", wollte er wissen und sie antwortete ihm: "Das sind ja alles noch meine eigenen!" Für den Arzt völlig unvorstellbar und für Frau U. ein ganzer Stolz.

Ihr halbes Erwachsenenleben führte sie sogar ein eigenes Geschäft. Sie war alleinstehend, kämpfte sich durchs Leben, ihre Geschwister in Amerika und auf der Welt verstreut. Vorbei die Zeiten, wo sie die kleine Schwester überall hin mitschleppten und sie in die Sandkiste setzten. Ihr Vater hatte sie so liebevoll großgezogen, wie es einem Mann in dieser Generation nur möglich war. Streng war er, das hat sie immer erzählt, aber mit seinen fünf Kindern trotzdem sehr lieb. Er hat ihr immer vorgelesen. Er war aber auch ein trauriger Mann und einsam bis zuletzt, das wusste sie.

Frau U. war als kleines Kind in eine Messerstecherei im eigenen Haus verwickelt worden, bei der ihre Mutter starb und sie selbst schwer verletzt wurde. Sie erzählte mir, das sie unter dem Küchentisch lag und alle glaubten, sie wäre tot. Der Vater blieb alleine mit den fünf Kindern zurück und einer Tochter, die von da an mit einer schweren körperlichen Behinderung leben musste. Aber sie war zäh und stur! Das brachte sie so weit, dass sie bist wenige Monate vor ihrem Tod immer noch keinen Rollstuhl wollte, und ihn auch nicht brauchte.

Ich lernte sie kennen, da konnte sie noch selbst gehen! Einen Stock in der einen Hand, einen Stuhl (an der Sessellehne mit sich schiebend) in der anderen Hand, ein Bein in einer langen Orthese um das Knie zu stabilisieren. Ihre Wirbelsäule war schon seit vielen Jahren so weit abgesunken und verkrümmt, dass sie auf dem Beckenkamm auflag. Sie lächelte mich breit an, als ich ihr beistehen und beim Gehen helfen wollte und amüsierte sich über mein erstauntes Gesicht.

"Ja, der Herr Primar schaut mich auch immer so an! Und dann sagt er: Das Wunder ist wieder da!", meinte sie und war mächtig Stolz auf sich.

© LunaPetunia